Leben ändern oder Ändern leben?

Wie wäre es, nicht das Leben zu ändern, sondern das Ändern zu leben? - www.doppelpunkt-praxis.de

Immer wieder höre ich, dass Menschen ihr Leben ändern wollen. Meistens meinen sie damit gar nicht ihr ganzes Leben, sondern in der Regel nur einen Teilbereich. So wollen sie ihr Essverhalten ändern oder mit dem Rauchen aufhören oder sich nicht mehr so aufregen. Bisweilen ist der Bereich, den ein Mensch ändern möchte, dann aber doch gefühlt so groß und bedeutsam, dass es sich anfühlt, als würde er oder sie das ganze Leben verändern. Und dann ist es natürlich so, dass eine Veränderung in einem Teilbereich nicht ohne Nebenwirkungen bleibt, also dass dies auf das ganze Leben seine Auswirkungen hat, die meistens auch andere Menschen – Verwandte und Freunde oder Kollegen – bemerken.

Es ist ja doch so, dass uns das Leben tagtäglich verändert. Wir wachsen, altern, machen Erfahrungen, lernen und so weiter. Wir verändern uns und erleben das als völlige Normalität. Gleichzeitig können Veränderungen – bevorstehende wie bereits eingetretene – große Ängste in Menschen auslösen. In diesen Momenten scheint es so, als wünschten diese Menschen sich, dass sich nichts in ihrem Leben verändern solle. Auch Entwicklungen, die eigentlich ganz selbstverständlich in ein Leben gehören – wie z.B. ein Wohnortwechsel – werden dann mit größten Ängsten erwartet.

Die Nicht-Veränderung ist Starre, also wenig lebendig. Leben ist Fluss in allem und damit permanente Veränderung. Vielleicht wird es leichter, sich auf das Ändern im Leben einzulassen und es zum Zentrum zu machen, wenn man sich klar macht, dass es ja ohnehin ständig mit mir passiert, ohne dass ich es bewusst intendiere. Ich ändere mich, ohne dass ich bewusst etwas dazu tue. Das beweist in meinen Augen, dass ich für Veränderung in meinem Leben eine sehr hohe Kompetenz habe. Wenn mir das öfter deutlich vor Augen ist, dann sind hoffentlich auch die anderen Veränderungen weniger bedrohlich, dann wird das Ändern womöglich sogar zu einer großen Ressource, aus der ich schöpfen kann.

Der Spruch im Bild ist einem Zitat Rilkes nachempfunden.

Autor: Ulrike Dauenhauer

Falschmeldungen über Fake News

Stille Post – (k)ein Kinderspiel! Erwachsene spielen es viel besser und raffinierter. Und in echt, also ohne den entlarvenden und verharmlosenden Stempel: „Spiel“. Stille Post demonstriert, wie Gerüchte entstehen.
Gerüchte und Fake News (Falschmeldungen) sind sich ähnlich und doch nicht gleich! Gerüchte entstehen oft auch unabsichtlich. Durch ungenaues Zuhören, durch unabsichtliches Einpassen in eigene Denk- und Wahrnehmungsmuster.
Wer jedoch absichtlich und zielgerichtet falsche Informationen verbreitet, setzt nicht nur Gerüchte in Umlauf, sondern täuscht, lügt und fälscht die Wahrheit. Aus Fakten werden „alternative Fakten“. Wir Deutsche kennen dies aus unserer eigenen Geschichte, der Nazipropaganda, ziemlich gut. Neuerdings kann man dies auch jenseits des Atlantiks vermehrt beobachten.

Dabei gilt aber auch zu unterscheiden, dass manche Fake News so offensichtlich falsch sind, dass gar keine Betrugsabsicht vorliegt, sondern reine politische Satire. Während ich das schreibe, erhalte ich über Handy ein passendes Beispiel:

„Soeben berichtet CNN in einer Sondersendung von einem Zwischenfall in Washington: Im Weißen Haus ist gegen 7:00 Uhr Ortszeit ein Feuer ausgebrochen und zerstörte die Privatbibliothek von Donald Trump. Beide Bücher wurden restlos zerstört. Besonders tragisch: Das zweite Buch des neuen Präsidenten hatte er noch gar nicht fertig ausgemalt!“

Das kann man lustig finden, oder auch nicht. Es ist offensichtlich eine absichtliche, aber satirische Falschmeldung, welche durch ihre Übertreibung deutlich macht: diese Meldung darf nicht wörtlich genommen werden.
Schlimmer sind Nachrichten oder Informationen, die als Tatsachen verkauft werden. Vor wenigen Tagen „erfand“ die Beraterin des US-Präsidenten ein Massaker, um sein Dekret zum Einreisestopp für mehrere islamische Länder zu rechtfertigen. Details dazu hier: Kellyanne Conway erfindet Massaker

Wer sagt uns nun aber, ob nicht die Presse (in diesem Fall der „Spiegel“) absichtlich Falschmeldungen über Falschmeldungen druckt? Viele Menschen trauen den Medien nicht mehr und bezeichnen sie als Lügenpresse. Kaum einer dieser Zweifler hat dabei aber reflektiert, woher er seine Zweifel hat. Denn auch der Verdacht von Falschmeldungen in der etablierten Presse stammt aus irgendeinem Nachrichtenkanal. Warum eigentlich glaubt man dann diesem und zweifelt am anderen?
Nachdem ich am Dienstag vergangener Woche diesen Blog-Artikel begonnen hatte, wurde am Abend auf ZDF die Polit-Satire „Anstalt“ gesendet. Und als hätten deren Autoren meinen unfertigen Artikel bereits eingesehen, berichten sie über Falschmeldungen über Fake-News. Wer es nachträglich sehen möchte:
Die Anstalt vom 7. Februar 2017 (Ausschnitt) (bis 07.Mai 2017 verfügbar)

trump
Das obige Foto zeigt eine Meldung mit einem angeblichen Zitat von Donald Trump. Es passt ins Klischee und Vorurteil, welches viele von diesem Mann haben. Es ist aber ein erfundenes Zitat, eine Falschmeldung. Ich bin für einen Tag darauf reingefallen, habe dann recherchiert, mich korrigiert und auch alle, denen ich diese News zugeschickt hatte, diesbezüglich informiert.

Während es zu meiner Studienzeit eher noch das Problem gab, an Informationen zu gelangen, ist es heute im Zeitalter von Internet, Google, Facebook, WhatsApp und Wikipedia wesentlich schwieriger, die gefunden Informationen zu selektieren und zu bewerten. So kam vor wenigen Wochen eine angebliche Warnung der Kriminalpolizei vor einem Virus. Man möge umgehend so viel wie möglich Freunde warnen. Die Nachricht selbst war harmlos, sorgte aber für eine Flut unnötiger Mails und Nachrichten, also eine Art Kettenbrief, der sich lawinenartig ausbreitete. Da ist es kein Fehler, vor einem Weiterleiten im Internet einen Faktencheck zu machen. Dies macht kaum mehr Arbeit als das massenhafte Kopieren und Weiterleiten der (Falsch)meldung.

Ich persönlich mag Satire, die von Überzeichnung lebt und es auch mit der Wahrheit nicht immer genau nimmt – solange es klar ist, dass es sich um Satire handelt. Trotzdem möchte ich mich in Zukunft auch mehr darum bemühen, Informationen genauer zu hinterfragen, zu prüfen und einem Faktencheck zu unterziehen. Dazu gehört schon, dass Aussagen als persönliche Meinung gekennzeichnet sind oder die Formulierung „möglicherweise“, „eventuell“ oder „angeblich“ vorangestellt wird.

Nach meiner persönlichen Meinung wird dadurch möglicherweise eventuell die Verbreitung angeblicher Fakten eingeschränkt 😉

© Matthias Dauenhauer

Ende und Anfang der Selbstliebe

Start loving yourself and you won´t care who hates you. www.doppelpunkt-praxis.de

Es gibt viele Bücher und auch Ratgeber im Internet, die vermitteln wollen, wie man lernt, sich selbst zu lieben. Ich frage mich, warum wir das als erwachsene Menschen lernen sollen. Das setzt voraus, dass wir es nicht können oder nicht mehr können. Wenn wir es nicht mehr können, also verlernt haben, dann konnten wir es ja einmal. Aber warum haben wir es verlernt? Was ist geschehen, dass wir aufgehört haben, uns selbst zu lieben?

Wenn ein Kind geboren wird, begegnet die Welt ihm in den meisten Fällen mit viel Liebe. Das kleine Wesen mit den winzigen Fingern löst bei fast allen Menschen Faszination aus. Eltern versuchen, diesem neuen Familienmitglied alle Wünsche zu erfüllen, ihm alle Liebe, Nähe und Zärtlichkeit zu geben, die dieser Mensch braucht.

Irgendwann ändert sich etwas. Kritik zieht ein in unser Leben und beginnt, uns zu verunsichern. Die Kritik kommt daher, weil ein Gegenüber Erwartungen hat, die von uns nicht erfüllt werden (können). Plötzlich sind wir nicht mehr so gut, wie wir sind, sondern sollen anders sein oder anderes leisten. Es beginnt der Vergleich und die Bewertung. In dem Moment, wo wir einem anderen nicht mehr genügen, wie wir sind, fangen wir an, an uns zu zweifeln und beginnen, zu vergessen, dass wir uns lieben.

Leider werden wir uns dieses Zustandes oft erst viele Jahre später bewusst (oder gar nicht). Dann stellen wir fest, dass uns die Meinung anderer Menschen viel bedeutet, soviel, dass wir sie für richtiger und wahrer halten als den Blick, den wir auf uns selbst haben. Plötzlich finden wir viele Dinge an uns nicht liebenswert. Wir haben gelernt, uns durch die kritische Brille anderer Menschen zu sehen und halten diesen Blick auf uns für unseren eigenen.

In dieser Lage ist es schwer, Liebe von anderen anzunehmen und auch andere wirklich zu lieben. Deswegen fängt es damit an, dass wir lernen, uns wieder selbst zu lieben, so wie wir es als Kinder konnten, vorbehaltlos, offen und frei. Das erst macht uns frei, anderen in Liebe zu begegnen.

Autor: Ulrike Dauenhauer – Praxis Doppelpunkt

Jeder Augenblick ein Geschenk

Vergangenheit ist Geschichte, Zukunft ein Geheimnis und jeder Augenblick ein Geschenk. (Ina Deter) - www.doppelpunkt-praxis.de

Ist das nicht eigentlich ein banaler Spruch? Könnte man meinen. Aber für mich hat er etwas Besonderes; und zwar am Schluss. Das letzte Wort ist für mich das Wichtigste an diesem Satz. Wie kann ein Augenblick ein Geschenk sein? Es kommt doch ein Augenblick nach dem nächsten, ohne dass ich etwas dazu tue oder meistens auch ohne, dass etwas Besonderes geschieht. Warum also sollte jeder Augenblick ein Geschenk sein?

Für mich liegt in diesem Wort sehr viel. Natürlich gibt es Geschenke, die ich quasi erwarte. Viele Menschen erwarten, dass sie an Weihnachten oder zum Geburtstag irgendwas geschenkt bekommen. Ganz besonders sind für mich aber die Geschenke, mit denen ich nicht gerechnet habe, entweder zu diesem Zeitpunkt oder in der Art des Geschenkes. Sowas schafft für mich immer ganz besondere Überraschungen. Und wenn mir in diesem Satz gesagt wird, dass jeder Augenblick ein Geschenk ist, lenkt er meinen Blick weg von der Selbstverständlichkeit, mit der sich ein Augenblick ereignet hin zur Einmaligkeit des Moments und noch darüber hinaus. Ein Geschenk will gewürdigt sein. Da hat sich schließlich jemand Gedanken gemacht, wie er uns eine Freude machen könnte. Bei mir löst das Dankbarkeit aus. Und dann Neugier, was genau hat sich der Schenkende gedacht, als er sich für dieses Geschenk für mich entschied und was kann ich mit dem Geschenk machen. Wann und wie will ich es wie gebrauchen oder genießen? Insofern hat ein Geschenk für mich immer auch einen hohen Aufforderungscharakter. Mit dem Geschenk beginnt für mich die Aufgabe, es zu gestalten, ihm seinen eigentlichen Sinn zu verleihen. Darin liegt natürlich auch Verantwortung, die ich übernehme, wenn ich das Geschenk annehme.

Und was heißt das jetzt für den Augenblick? Ich habe Macht, den Augenblick – JETZT – zu gestalten, mich an ihm zu freuen, ihn zu nutzen und damit zu verwandeln. Ich kann ihn dankbar annehmen und eine innere Haltung zu ihm finden, die mich reich macht, weil ich ja so viele Geschenke bekomme.

Autor: Ulrike Dauenhauer

Luther Jubiläumsjahr 2017 – oder Lernen vom Apfelbäumchen

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Martin Luther auf einer Briefmarke. Aus meiner Jugendzeit kenne ich diese gut, habe sie oft „geschleckt“, denn selbstklebende Marken gab es damals noch nicht. Sie schaffte ab ihrer Erscheinung im Sept. 1961 eine Auflage von fast 2,5 Milliarden! Diese Marke war nur bis zum 31.12.1970 gültiges Porto.

Die Sätze und Zitate von Martin Luther haben auch eine hohe „Auflage“. Der Reformator wird auch 500 Jahre nach seinem Thesenanschlag häufig zitiert. So manches Zitat des Theologen verliert seine Gültigkeit nicht.

Heute will ich auf ein Bonmot eingehen, welches Luther zugeschrieben wird. Allerdings gibt es keinen Beleg dafür (manches spricht dafür, dass es erst während des Zweiten Weltkrieges entstanden ist und dem Mönch in den Mund gelegt wurde).
„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“
Würde ich das auch? Erste Reaktion beim Hören vor ein paar Jahrzehnten: „Schön blöd! Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, hätte ich Besseres zu tun!“

Beim Nachdenken über seine Aussage fielen mir zwei Dinge auf:

Erstens: Möglicherweise wollte er sagen, dass ich – obwohl ich „weiß“, dass morgen die Welt untergeht – mich täuschen könnte. Bleibt bei aller Gewissheit nicht eine Restunsicherheit? Besteht nicht eine kleine Chance, dass ich mich getäuscht habe?

Und selbst wenn man im göttlichen Auftrag spricht, wie in der Überlieferung des Alten Testaments der Prophet Jona, welcher der Stadt Ninive den Untergang ankündigte: es könnte sein, dass Gott seine Meinung ändert! Und dann?!
Also würde Luthers Satz aussagen: Selbst wenn Du Dir einer Sache ganz gewiss bist: rechne damit, dass es auch anders kommen könnte! Geh Deinem Tagewerk nach! Komme Deinen Verpflichtungen nach! Lebe, als ob es weiter gehen würde!
Dies muss nicht bedeuten, dass man die realen Gefahren ausblendet und leugnet. Aber es heißt, nicht in Schockstarre zu verfallen, wie das Kaninchen vor der Schlange. Lass Dich von Deinen Ängsten und Sorgen nicht gefangen nehmen! Lass Dich von diesem Schreckensszenario nicht fesseln!

Zweitens: Warum schrieb Luther: „… ein Apfelbäumchen pflanzen“? Warum nicht etwas tun, was am letzten Tag vor dem Weltuntergang noch Sinn macht? Brot backen, Stube aufräumen, Holz hacken … Aber ein Apfelbäumchen pflanzen? Ist das nicht absurd? Ein Bäumchen trägt doch frühestens nach 10 Jahren Früchte. Was ergibt das für einen Sinn? Möglicherweise ergibt sich aus der Absurdität der Sinn seiner Aussage: es geht nicht nur darum, für heute etwas Sinnvolles zu tun, sondern etwas, was Langzeitauswirkungen hat. Ich werde tätig mit einer Aufgabe, deren Folgen in der Zukunft liegen. Und das, obwohl die Situation heute ganz nach Weltuntergang aussehen mag.

Viele sagten schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts: in diese Welt kann man keine Kinder mehr setzen. Wegen der Gewalt … der Konflikte … des Klimas … der abnehmenden Rohstoffe … und wegen der machthungrigen Präsidenten oder Kanzler oder Könige usw. Ich höre diese Worte in den letzten Monaten auch wieder: die Welt ist schlecht, lasst uns die Hände in den Schoß legen, es hat eh alles keinen Sinn mehr.

Ob das Zitat nun von Martin Luther stammt oder nicht: Es macht in meinen Augen nicht nur eine Aussage, sondern gibt uns einen Auftrag: bei aller Gewissheit über das Übel in der Welt oder des nahen Weltuntergangs – steck den Kopf nicht in den Sand, lebe und arbeite weiter! Denn ganz sicher kann sich niemand sein. Nimm ein Projekt in Angriff, das Langzeitwirkung hat und vielleicht erst Jahre später Früchte trägt! Es muss kein Apfelbäumchen sein …
© Matthias Dauenhauer

Die innere Haltung

Engel können fliegen, weil sie sich selbst nicht so schwer nehmen. (aus Schottland) - www.doppelpunkt-praxis.de

Engel können fliegen, weil sie sich selbst nicht so schwer nehmen. (aus Schottland)

Über diesen Satz bin ich dieser Tage gestolpert, und er hat mich angesprochen. Ich begann zu überlegen, was mich genau daran angesprochen hat. Zum einen war es die Tatsache, dass zunächst einmal davon ausgegangen wird, dass es Engel gibt. Laut einer Umfrage von Forsa glauben 66% der Deutschen an Engel, während nur 64% an einen Gott glauben. Dann ist für den Sprecher des Satzes ganz offenbar klar, dass Engel fliegen können. Wer an Engel glaubt, wird vermutlich auch das bejahen. Irgendwie gehört das ja ganz klassisch ins Bild der Engel. Wozu sonst hätte ein Engel denn Flügel? Und schließlich werden Engel in aller Regel mit Flügeln abgebildet. Woran sonst würde man denn erkennen, dass dies ein Engel sein soll?
Aber nun die Erklärung, WARUM Engel fliegen können. Die gefällt mir, denn sie ist so gar nicht physikalisch. Es wird hier den Engeln unterstellt, dass ihr Flugvermögen etwas mit ihrer inneren Haltung zu tun hat. Das hat mir imponiert. Es hat mir vor allem deswegen imponiert, weil es die einzige Erklärung ist, die hier gegeben wird. Es scheint also, dass die innere Haltung die ganze Kunst daran ist. Toll!

Meine eigene innere Haltung kann ich beeinflussen. Hier ist eine zentrale Schaltstelle meiner Macht über mein Leben. Ich habe es in der Hand, was ich wie schwer oder leicht nehmen möchte.

Autor: Ulrike Dauenhauer – Praxis Doppelpunkt

DOPPEL:PUNKT – Der kleine Unterschied

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Im Gegensatz zu einem Punkt, welcher das Ende eines Satzes markiert (auch umgangssprachlich: „Jetzt mach aber ´mal einen Punkt!“) will der Doppelpunkt zeigen: Es geht noch weiter! Es folgt noch eine Information oder sogar eine Aufzählung. Der Doppelpunkt stellt somit eine Ankündigung dar, eine Andeutung, dass es weiter geht, dass es noch nicht vorbei ist. Er beendet zwar eine Aussage und macht zugleich deutlich, dass etwas Neues beginnt.
Dies war übrigens einer der Gründe, warum wir unserer psychotherapeutischen Praxis einen Namen mit Bedeutungshintergrund gegeben haben und nicht einfach nach unserem Nachnamen. Wir wollten schon im Namen deutlich machen wovon wir überzeugt sind: dass eine Krise nicht das Ende bedeutet oder der Weltuntergang ist. Es gibt ein Danach! Irgendwie geht es weiter. Das gilt es herauszuarbeiten. Dabei wollen wir unterstützen, helfen, erleichtern. Der Doppelpunkt macht den Unterschied zwischen Resignation und Hoffnung.
Wenn man den Doppelpunkt aber nicht wie üblich als zwei Punkte über-, sondern nebeneinander schreibt, hat dies wieder eine andere Bedeutung. Diese zwei Punkte verändern im deutschen die Vokale. Aus A wird Ä und aus U wird Ü und aus O wird Ö.
Bei einem bestimmten Verb führen diese zwei kleinen Pünktchen zu einem enormen Unterschied im zwischenmenschlichen Umgang. Es handelt sich um die Aufforderung: „Fordern“. Der Doppelpunkt auf dem o macht aus „fordern“ ein „fördern“. Und dass sich das für den Empfänger der Botschaft sehr viel anders anhört und anfühlt, dürfte leicht nachvollziehbar sein.
Gerade jetzt in den letzten Wochen des Jahres fallen wieder viele in den Herbst- und Winter-Blues. Die Depression in der dunklen Jahreszeit macht so manchem zu schaffen. Gerne macht man diesen Leidenden sanften Druck und fordert: „Geh doch mal spazieren! Draußen scheint die Sonne! Das tut dir gut!“ Was der Laie nicht weiß: der depressiv Erkrankte möchte – und kann nicht! Statt ihn zu fordern, wäre es hilfreicher, ihn zu fördern: „Draußen scheint die Sonne! Ich mache jetzt einen kurzen Spaziergang. Wenn Du möchtest, kann Du mich begleiten!“ Hier wird dem Depressiven die Wahl gelassen. Ich respektiere seinen Wunsch oder akzeptiere seine Grenzen. Auch muss ich damit leben, wenn er meine Einladung ablehnt. Aber er fühlt sich gefördert statt gefordert. Was fühlt sich besser an?
Diese und andere Gedanken zum Umgang mit depressiven Menschen findet sich in meinem Buch: „Und wo bleibe ich? Leben mit depressiven Menschen. Ein Leitfaden für Angehörige“. Es wurde in den 90er Jahren verfasst, als die Aufklärung über die Volkskrankheit Depression noch in den Kinderschuhen steckte. Inzwischen ist das Buch in der vierten Auflage für 12,40 € im Handel und es gibt auch eine französische Übersetzung.
© Matthias Dauenhauer