FLURIEL feiert Weihnachten

Vorgeschichte:

Fluriel ist ein ziemlicher normaler Engel, allerdings mit einem Schönheitsfehler: er hat fürchterliche Angst vor dem Fliegen! Darum schlendert er lieber oder besser noch: er sitzt. Seine Engelkollegen necken ihn gerne wegen seines Aussehens und vergleichen ihn mit einer Hummel.
Als er eines Tages zum Schutzengel für ein Mädchen auf der Erde befördert wird, bekommt er ein echtes Problem. Wie kommt er auf die Erde? Wie kann er ein guter Schutzengel sein, ohne Fliegen zu müssen? Fluriel erlebt in der schwäbischen Kleinstadt mit der kleinen Liese Zimper so manche Abenteuer. Eines passt ganz gut in die Adventszeit:

Kapitel 7: Fluriel feiert Weihnachten

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt…“ Feuer ist für jedes Kind etwas Faszinierendes. Da machte Liese keine Ausnahme. Sie war diesbezüglich gar nicht zimperlich. Schon oft hatte sie von ihren Eltern gehört: „Man spielt nicht mit Feuer!“ Liese nickte immer artig mit dem Kopf und erwiderte: „Tu ich doch gar nicht! Ich untersuche das Feuer, ich ekspieremente mit den Flammen! Ich spiele nicht!“ – „Ich experimentiere!“, verbesserte die Mutter. „Sag ich doch: ich ekspieremente!

Fluriel hatte in den letzten Jahren schon mehrere dieser Dialoge gehört und jedes Mal legte er seinen Kopf etwas zur Seite, runzelte seine Stirn und dachte: „Eines Tages passiert es, liebe Mama Zimper, egal wie oft Du Dein Sprüchlein wiederholen magst!“

Es war Heilig Abend, als das Haus in der Hummelgasse 13 mit zahlreichen Kerzen erhellt war. Ein wunderschöner Christbaum stand im Wohnzimmer, von seinen Zweigen hingen prächtige Glaskugeln herunter. In diesen spiegelten sich die angezündeten Kerzen und die – wie Fluriel dachte – kitschigen Engelfiguren mit Pausbacken und Posaunen und – was noch schlimmer war – mit unnötig großen Flügeln.

Es war der Tag, den Fluriel schon lange vorhergesehen hatte: Liese, die intelligente Grundschülerin, experimentierte mal wieder mit den Flammen. Zwar hatte Papa seiner Tochter noch einmal eingeschärft, dass sie die Kerzen nur anschauen dürfe und er hatte sogar für alle Fälle einen mit Wasser gefüllten Eimer neben den Tannenbaum gestellt, aber Vater Zimper hatte nach mehr als sechs Jahren Erziehung noch immer nicht begriffen, dass Kinder auch an den Händen „Augen“ haben. Kinder schauen mit den Händen. Liese schaute mit den Augen, solange die Eltern im Raum waren. Als sie mal kurz in den Keller gingen, um von dort versteckte Geschenke heraufzuholen, schaute Liese mit den Händen.

Bei der ersten Kerze passierte noch nichts. Also schaute Liese noch mal. Dann ging es Schlag auf Schlag. Die Kerze war wachsweich, bekam Schräglage, ein Engel – es war der kitschigste, wie Fluriel meinte – fing Feuer, der Faden, an dem er hing auch, und wie ein Engel des Lichts, flog dieser Lucifer auf den einzigen brennbaren Gegenstand in nächster Nähe: eine Serviette mit ein paar Nüssen darauf. Die Serviette loderte auf. Es drohte ein verheerender Zimmerbrand. Liese sprang auf, weil das Experiment plötzlich ganz anders verlief, als beabsichtigt – sie sollte sich Jahre später im Physik- und Chemieunterricht regelmäßig an diese frühe Erkenntnis erinnern.

Nur Fluriel, der Schutzengel war die Ruhe selbst. Als Liese hektisch aus dem Zimmer rennen wollte, um Mama zu holen, stellte er ihr ein Bein, so dass Liese so heftig gegen den Wassereimer stieß, dass dieser umkippte und sein Inhalt sofort und nachhaltig das Feuer löschte. Ein Brand hätte sogar Gesundheit und Leben in Gefahr gebracht.

Liese lag noch in der Pfütze wie ein begossener Pudel, als die Tür aufging und die Eltern erschienen. Sie stutzten und lachten dann laut auf. Es sah zu lustig aus, wie ihre Tochter klatschnass unter dem Christbaum lag und sie mit großen Augen anschaute. „Gleich werden sie losschimpfen!“, dachte Liese. Aber stattdessen sagte der Vater erleichtert: „Na, wenigstens hast Du nicht mit dem Feuer gespielt! Ab jetzt sei bitte so nett, und spiele in Zukunft auch nicht mit dem Wasser!“

Fluriel musste grinsen. Am meisten aber freute ihn, dass der kitschige Engel in der Hölle gelandet war. Vater Zimper fand ihn übrigens erst zwei Wochen später, also im nächsten Kalenderjahr, als er den Tannenbaum in den Garten brachte.

Nachdem die Pfütze aufgewischt und Liese trockene Kleidung angezogen hatte, gab es auch noch eine schöne Bescherung. Allerdings verging Fluriel das Grinsen wieder, als Vater Zimper eines seines Geschenke öffnete und eine Musik-CD zum Vorschein kam. „Rimski-Korsakow! Toll! Der Hummelflug! Danke, mein Schatz, Du bist ein Engel!“ rief Herr Zimper und strahlte seine Frau an. Fluriel hielt sich die Hand vor die Augen und verdrehte diese gleichzeitig.

Fluriel hörte auf zu zählen, aber der Hummelflug wurde bereits an Heilig Abend x-Mal gespielt und es sollte noch wochenlang so weitergehen: Wie eine Zeremonie wurde Abend für Abend die neue CD ins Gerät eingelegt und ein paar Mal hintereinander abgehört. „Wer hat nur die leidige Wiederholfunktion erfunden!“, ärgerte sich Fluriel. Herr Zimper aber hatte seit Heilig Abend ein neues Lieblingslied.

Dies war ein Buchauszug von Matthias Dauenhauer:
FLURIEL, der Engel, der Angst vor dem Fliegen hatte.
Eine Kindergeschichte auch für erwachsene Angsthasen.
Ein Hörbuch im mp3-Format mit 105 Minuten Laufzeit.
Eine weitere Leseprobe und eine Hörprobe findet sich unter www.fluriel.de

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Onanie zu Weihnachten

Auf die Frage des Psychoanalytikers, ob er sich selbst befriedige, antwortete der Patient: „O! Na! Nie!“

Vielleicht ist jemand enttäuscht, wenn er jetzt erfährt, dass es hier nicht um „Masturbation unterm Weihnachtsbaum“ geht. Es geht in diesem Artikel um die Onanie in ihrer ursprünglichen Bedeutung.

Seit langer Zeit wird die Onanie mit Selbstbefriedigung gleichgesetzt. Völlig zu Unrecht! Der Begriff wird auf eine Begebenheit aus dem Alten Testament (1. Mose 38) zurückgeführt, in welcher ein Mann namens Onan sich weigert, seinem verstorbenen, kinderlosen Bruder „Nachkommen zu schaffen“, mit anderen Worten: die Witwe zu schwängern. Bei der sogenannten Schwagerehe (= Levirat) sollte der so gezeugte Nachkomme als Sohn des Bruders gelten, der dadurch doch noch einen Erben hat. Onan legt sich zwar zur Witwe, vollzieht dann aber einen Coitus interruptus: er ließ seinen „Samen auf die Erde fallen“. Zu dieser Schwagerehe wäre Onan gesetzlich verpflichtet gewesen. Diese Ordnung, seinem verstorbenen Bruder einen Nachkommen zu zeugen, war sozial motiviert. Seine Weigerung war also genau genommen eine Verweigerung, soziale Pflichten zu übernehmen. Dafür habe ich den Begriff Sozial-Onanie geprägt.

Seit Jahrzehnten ist zunehmend zu beobachten, wie die Sozial-Onanie – gerade zu Weihnachten – zunimmt. Man beschenkt sich, man beschenkt andere. Oftmals wird genau aufgerechnet, wer wie viel zu bekommen hat. Seien wir ehrlich: viele Geschenke sind überflüssig. Oftmals beschenkt man Menschen, die sowieso genug von allem haben. Und die es einem in anderer Form wieder zurückschenken. Keine Frage, das ist gut für die deutsche Wirtschaft. Aber vom Sinn des Schenkens ist das doch weit entfernt. Macht es nicht viel mehr Freude, die zu beschenken, die es gar nicht erwidern können? Kinder oder Arme, Flüchtlinge und Asylanten, Arbeitslose und Obdachlose?

Wäre nicht gerade Weihnachten auch eine Gelegenheit einmal darüber nachzudenken, wo wir als Staat, als Gesellschaft, als Kommune, als Kirchengemeinde, als Familie, als Einzelner uns der sozialen Verantwortung entziehen!? Wo wir Sozial-Onanie betreiben!?
Im erweiterten Sinne gibt es schon so etwas wie materielle Selbstbefriedigung …

Ich will nicht einseitig darstellen. Zu Weihnachten gibt es auch viele Menschen, die für soziale Projekte spenden. Nicht umsonst nehmen die Bettelbriefe und Spendenaufrufe gerade in der Adventszeit flutartig zu. Diese Hilfsbereitschaft ist erfreulich, selbst wenn sie manchmal nur das schlechte Gewissen beruhigt. Wäre die vorweihnachtliche Zeit nicht eine Chance, sich umzuschauen und sich Gedanken zu machen, wo, wie und wem gegenüber wir soziale Verantwortung tragen? Und darüber hinaus: soziale Verantwortung sollte nicht nur zu Weihnachten wahrgenommen werden. Sie sollte unser tägliches Leben begleiten.

Die biblische Geschichte berichtet zwar von einem unschönen Ende für Onan. Manchmal scheint es aber heute, als ginge es den Geizkragen, Egomanen und Sozial-Onanisten irgendwie besser als den Großzügigen, Spendablen und sozial Engagierten. Ich glaube, der erste Eindruck täuscht! Die Erforschung des menschlichen Glücks hat wiederholt gezeigt, dass das alte Prinzip „Geben ist seliger als Nehmen“ auch noch heute gilt. Andere zu beglücken schafft eigenes Glück.

Na denn: viel Glück! Und gesegnete Weihnachten!

© Matthias Dauenhauer