Wie geht es weiter?

Gehe soweit, wie du sehen kannst, denn wenn du dort angekommen bist, wirst du sehen wie es weitergeht. - www.doppelpunkt-praxis.de

Wir sind vom Urlaub im polnischen Urwald zurück und haben die Zeit dort wieder sehr genossen. Wenn wir dort mit dem Kajak unterwegs sind, erleben wir unterschiedliche Situationen, in denen wir nicht sehen können, wie es weiter geht. Einmal sind da Flussbiegungen, die uns die weitere Sicht versperren, dann wieder ist es Schilf, durch das unser Weg führt und das uns die Sicht nimmt, wieder an anderen Stellen treffen wir auf Hindernisse – Bäume im Wasser – die es zu überwinden gilt und wo wir durch das Hindernis zunächst auch einmal nicht sehr weit schauen können. Jedes mal heißt es, sich der Stelle nähern und sichten, was dort ist. Bei Flussbiegungen, geschieht diese Annäherung sehr vertrauensvoll, denn der Fluss wird ja nicht einfach in einer Sackgasse enden. Beim Schilf ist es schon nicht mehr so klar, wie es weiter geht. Manchmal sehen wir einen Meter weit, manchmal ein Stückchen weiter. Dann heißt es, sich vortasten, Meter um Meter sich vorarbeiten. Das kann bisweilen sehr anstrengend sein und viel Kraft kosten. Bisher erwartete uns jedoch hinter jeder Barriere etwas, es ging weiter, oft war es danach wunderschön, manchmal regelrecht verwunschen und märchenhaft.

Wir können also nur sagen, dass es sich lohnt so weit zu gehen – oder Kajak zu fahren – wie man sehen kann, um sich dann überraschen zu lassen von dem, was dann kommt und wie es da weiter geht. Das gilt jeden Tag im Leben.

Autor: Ulrike Dauenhauer – Praxis Doppelpunkt

Augen

Die Augen sind die Fenster der Seele. (Hildegard von Bingen) - www. doppelpunkt-praxis.de

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang, die
dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück…
Vorbei, verweht, nie wieder.

Du musst auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.
(Kurt Tucholsky)

Wenn Streit weiter wirkt

Zanke niemals in Gedanken mit jemand. Das verbittert das Gemüt oft mehr als wirklicher Streit und ist die Ursache vieler innerer Unruhe. (Carl Hilty) - www.doppelpunkt-praxis.de

Wer kennt das nicht, dass einen ein Streit nicht loslässt? Ich erlebe hier in meiner Arbeit immer wieder Menschen, die mit jemand Streit hatten oder etwas als verletzend empfunden haben und darunter leiden. Dann werden mir Geschichten erzählt, die manchmal schon Jahre oder Jahrzehnte her sind. Aber der Mensch, der vor mir sitzt, erlebt es, als wäre es gerade jetzt, in diesem Moment, wo er mir dies erzählt. Da wird durch die Erzählung die ganze alte Geschichte wieder so aktuell, als würde sie jetzt ablaufen. Bis zu diesem Zeitpunkt, wo mir diese Geschichte erzählt wird, wurde sie meist schon etliche Male erzählt, teils hörbar für einen anderen, teils unhörbar im eigenen Kopf. Und jedesmal wirkte sie, als wäre es genau jetzt so, als hörte der Mensch die verletzenden Worte jetzt und würde den Schmerz über diese Situation jetzt erleben. Da wirkt der Streit in Gedanken also schon sehr lange und die Wunde in der Seele kann nicht heilen oder wird sogar mit der Zeit immer tiefer.

Wenn wir in Gedanken eine Auseinandersetzung fortsetzen, uns weiter grämen, weiter dem anderen grollen, weiter die Ungerechtigkeit, die uns widerfahren ist, füttern, verbittert das Gemüt. Die Seele leidet weitaus länger als nur in dem Moment, wo das Unrecht geschehen ist. Somit vertiefen wir selbst den Schmerz, wenn wir uns im Innern nicht davon weg bewegen, nicht in uns einen Weg finden, diesen Schmerz zu beenden, indem wir beginnen, ihn los zu lassen.

Dazu kann es verschiedene Wege geben. Wir schauen in unserer Arbeit hier mit jedem einzelnen, welcher Weg für ihn gangbar ist und wie er seinen inneren Frieden wiederfinden kann. Auch wenn ich mit dem anderen vielleicht keinen Frieden machen kann, kann ich ihn doch in mir selbst finden. Allein ist das nicht immer so leicht, weil wir in unseren Gedankenkreisen festhängen. Aber gemeinsam lässt sich da viel bewegen, helfen Sichtweisen von außen und bis zu dem Moment neue Impulse und auch körperliche Erfahrungen, wie es sich anders anfühlt, wenn es in einem wieder ruhiger und friedlicher wird. Nachlassender Schmerz ist spürbar. Und dieses Gefühl, dass es leichter wird, hilft, den Weg dann weiter zu gehen.

Autor: Ulrike Dauenhauer – Praxis Doppelpunkt

Wirklichkeit erfahren

Das Leben ist kein Problem, das es zu lösen, sondern eine Wirklichkeit, die es zu erfahren gilt. (Buddha) - www.doppelpunkt-praxis.de

Das Leben ist kein Problem, das es zu lösen, sondern eine Wirklichkeit, die es zu erfahren gilt. (Buddha) – http://www.doppelpunkt-praxis.de

Für diesen Spruch habe ich lange nach einem Bild gesucht.

Manchmal könnte man meinen, wir er-fahren heute die Welt. Wir setzen uns ins Auto und fahren irgendwo hin. In manchen Ländern habe ich als Reisende sogar das Gefühl gehabt, dass es Menschen gibt, die wirklich nur fahren. Von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, Foto machen und wieder rein ins Auto oder in den Bus. Oder von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt, Foto machen und weiter.

Aber natürlich ist hier nicht das Fahren mit dem Auto gemeint. Wirklichkeit erfahren, bedeutet ja viel mehr. Ganz grundsätzlich muss ich dafür ja nirgendwo hin fahren. Ich muss mich sogar gar keinen Millimeter bewegen. Die Wirklichkeit kann ich überall und jederzeit erfahren. Ich muss nur dafür bereit sein. Und an dem Punkt wird es spannend, finde ich.

Wirklichkeit ist für mich nichts Theoretisches. Sie wirkt. Auf mich. Ganz konkret. Sie bewirkt etwas bei mir. Und jeder hat seine eigene Wirklichkeit. Denn die Wirklichkeit, die ich erlebe, hat immer sehr viel damit zu tun, wie ich das, was ich erlebe, einordne, also welche bereits in mir bestehenden Ordnungssysteme zum Einsatz kommen.

Da hätte ich also die Möglichkeit, diesen Moment jetzt gerade zu erleben, aber dann signalisiert mir mein Smartphone, dass es noch andere Dinge gibt. Ich habe die Möglichkeit, zu wählen, welcher Wirklichkeit ich nun den Vorrang gebe. Bisweilen erlebe ich Menschen, die scheinen sich dieser Wahlmöglichkeit nicht bewusst zu sein.

Oder ich telefoniere. Da habe ich auch eine Wirklichkeit und ein ganz wirkliches Gegenüber, auch wenn ich es nicht sehe. Aber ich kenne Menschen, die spielen nebenher noch ein PC-Spiel. Das ist eine Unart, die ich auch mal hatte. Und ich gebe zu, dass es mir nicht leicht fiel, sie zu lassen. Aber was erfahre ich denn von meinem Gegenüber, wenn ich mich nicht GANZ auf die Erfahrung mit ihm einlassen will, sondern nebenher noch was anderes mache? Was ist mir mein Gegenüber wert, wenn ich die Zeit, die ich gerade habe nicht allein in dieses Gespräch geben will, sondern nebenher noch etwas anderes – wirklich völlig unwichtiges – tue? Will ich dem anderen so wenig wert sein?

Wir leben einerseits in einer Welt mit ungeahnten Möglichkeiten. Das kann schön sein, aber auch anstrengend. Ich kann vor lauter Möglichkeiten dahin kommen, dass ich es als Stress erlebe, wenn ich nicht möglichst viel davon erlebe und das geht eben nur, wenn ich Dinge nebeneinander tue. Aber ich kann meine Aufmerksamkeit nicht wirklich teilen. Dazu gibt es genug Studien. Ich kann – mehr oder weniger erfolgreich – mit meiner Aufmerksamkeit immer wieder zwischen Dingen hin und her springen. Aber in einem Moment kann ich immer nur mit einer Sache befasst sein. Die schnelle Abfolge der Wechsel suggeriert uns, wir könnten Dinge gleichzeitig parallel tun. Der Effekt ist dann aber, dass mir auf beiden Kanälen etwas verloren geht. Ich werde letztlich ärmer, nicht reicher. Ich erfahre nicht mehr vom Leben, sondern von mehr Dingen immer weniger.

Und damit kommen wir zum ersten Satzteil, dass Leben kein Problem sei, dass es zu lösen gilt. Der Lösungsansatz, dass ich die vielen Möglichkeiten und Chancen, die mich ja alle irgendwie weiter bringen können, besser nutze, indem ich eben vieles versuche, gleichzeitig zu tun und zu erleben, ist einfach falsch.

Vielleicht hätten wir insgesamt viel weniger Probleme, wenn wir weniger lösen wollten, sondern uns vorab erstmal wirklich und intensiv auf das Erfahren einlassen würden, womit wir beim zweiten Satzteil wären. Damit würden manche Lösungsideen nämlich nicht mehr Theorien sein über etwas, worüber wir nachgedacht haben. Wir hätten echte Erfahrungen, die vielleicht plötzlich aus einem Fakt, den ich aktuell noch als Problem definiere, eine neue Einsicht werden ließen.

Ich erlebe nicht selten in meiner Arbeit, dass geduldiges und detailliertes Nachfragen beim Gegenüber bewirkt, dass er sein „Problem“ ganz neu sieht und selbst schon die Lösung findet. Oder ich mache mit meinem Gesprächspartner die erstaunliche Feststellung, dass er/sie mir über „das Problem“ manches gar nicht sagen kann, weil er/sie sich auf die Erfahrung gar nicht wirklich eingelassen hat. Es wird etwas als großes Problem dargestellt, aber es ist dem Sprecher so unbekannt, dass er/sie mir viele Details dazu gar nicht sagen kann. Das finde ich schon bemerkenswert.

Wenn ich mich auf Erfahrungen einlasse – also im Moment bin, wo ich etwas erlebe und versuche, dies mit allen Sinnen zu erleben – werde ich vermutlich viel mehr über das Leben und mich selbst erfahren, als wenn ich mich zu oft mit dem Lösen – bisweilen vermeintlicher – Probleme beschäftige.

Und deswegen wünsche ich allen, die diesen langen Text nun bis hierher gelesen haben, viele ermutigende und stärkende Erfahrungen.

Autor: Ulrike Dauenhauer Praxis Doppelpunkt

Zeit mit Freunden

Ich liebe es, Zeit mit freunden zu verbringen, die mich vergessen lassen, auf mein Handy zu schauen. www.doppelpunkt-praxis.de

Zeit mit Freunden

Ich gebe zu, dass ich froh bin, ein Smartphone zu haben. Es ist oft nützlich und angenehm. Aber es ist auch verführerisch. Ich lasse mich in seinen Bann ziehen, nutze es zu oft für zu unwichtige Dinge. Es scheint fast so, als würde mir das Smartphone diktieren, was in meinem Leben so wichtig ist, dass ich damit Zeit verbringe. Zeit ist in meinen Augen ein sehr kostbares Gut. Das wird immer deutlicher, je älter ich werde (und die verbleibende Lebenszeit somit immer knapper). Wäre es da nicht angebracht, diese Zeit gut zu nutzen? Und dennoch gelingt es mir oft genug nicht.

Leichter ist es, wenn ich nicht allein bin. Wenn ich umgeben bin von Menschen, die mich das Handy vergessen lassen. Ich kann mich nicht wirklich GANZ auf mein Gegenüber konzentrieren, wenn ich dabei immer wieder auf das Handy schaue. Aber für diesen Menschen, der mir seine Zeit schenkt, sie mit mir teilt, will ich GANZ da sein, will zuhören und verstehen und Nähe erleben. Ich will den Wert dieser Zeit schätzen. Und ich glaube, das gelingt besser, wenn ich GANZ im Moment bin, eben nur EINES tue.

Leichter ist es für mich auch, wenn ich in der Natur bin und einfach nur schaue. Dann genieße ich diese Bilder und Gerüche und kann sie auf meiner inneren Festplatte im Kopf ganz intensiv speichern. Dieses intensive Speichern gelingt nicht besser, wenn ich gleichzeitig versuche, etwas mit dem Handy (z.B: Foto) festzuhalten. Das kann schön sein, ja sicher. Aber die Erlebnisqualität des Moments wird dadurch nicht für mich verbessert. Eher stört es meinen inneren Erlebens- und Genußfluss, wenn ich gleichzeitig ein Foto mit dem Handy mache. Für diese Momente kann ich mir überlegen, was ich will und mich dann bewusst entscheiden, ob ich NUR genieße oder wirklich auch ein Bild machen will. Ich möchte diesen Automatismus ausschalten und entscheiden, was ich gerade tue. Und das will ich dann GANZ tun.

Wie schön ist es, nur das EINE zu tun. Nur mit einem Freund reden. Nur Natur genießen. Nur laufen. Nur ein Buch lesen. Achtsamer sein.
Ich will wieder mehr nur eines zur Zeit tun. Danke an alle, die mir dabei helfen.

Autor: Ulrike Dauenhauer , http://www.doppelpunkt-praxis.de

Schauen

50 shades of green

Die letzten drei Tage hatte mich das Grün wieder sehr fasziniert. Als erstes erlebe ich immer den Erholungseffekt, den es hat, wenn ich mich im Grünen aufhalte. Ich spüre, wie Ruhe einkehrt und das bewusste Schauen einsetzt. Und je mehr ich schaue, desto mehr Grünschattierungen entdecke ich. Es setzt eine Faszination ein, für die ich kaum einen Ausdruck finde, die ich aber schon oft und an verschiedenen Orten erlebt habe.
All das Grün gehört irgendwie zusammen, und doch ist jedes für sich. Jeder Baum, jeder Busch, jede Pflanze hat ihren eigenen Platz und ihren eigenen Wert. Und jede hat ihre Aufgabe im großen Ganzen. Und niemand scheint diesen Platz in Frage zu stellen. Wir kennen bisher keine Kommunikation zwischen Pflanzen, die vermitteln würde, dass sie sich gegenseitig kritisieren oder in Frage stellen. Aus meiner Sicht, so denke ich, ist jede Pflanze mit ihrer Blattform, ihrem Grün, ihrem Standort zufrieden (oder sie wächst dort eben nicht mehr, geht unter, wie alles irgendwann). Vor allem habe ich nie erlebt, dass Menschen das Grün oder die Form einer Pflanze in Frage stellen. Solchen Umgang wünsche ich mir und anderen. Friedlich, akzeptierend.
Ja, es mag so Momente geben, wo der große Baum in Nachbars Garten einen ärgert, weil er an den ersten Sonnentagen zu viel Schatten macht oder im Herbst so viel Laub abwirft. Aber in der freien Natur gibt es diese Kritik nicht. Im Gegenteil, da faszinieren sogar die bereits abgestorbenen Bäume oder Baumstümpfe, auf denen bereits Neues wächst. Ja gerade diese Kombination finde ich besonders interessant. Dieses Zusammenkommen von Werden und Vergehen an einem Platz. Im Grunde leben wir ständig darin, nur nehmen wir es selten so wahr. Und in der Natur erlebe ich es als schön, bereichernd, faszinierend und inspirierend. Werden und Vergehen prägt mein Leben. Jeder Atemzug ist ein Stück davon. Und die Atemzüge nehme ich auch einfach so, kritisiere sie nicht, sondern nehme sie einfach an.
Das Unperfekte der Natur erlebe ich als Schön und Besonders. Im eigenen Leben bin ich da kritischer. Warum? Kann ich nicht von der Natur lernen, auch die unperfekten Dinge mit liebevollem Auge zu sehen? Kann es mir nicht gelingen, in den bereits vergehenden Dingen meines Lebens – und im Leben der anderen – neue Chancen und bereits wieder Wachsendes zu entdecken? Ist das nicht einfach nur eine Frage der Art des Schauens? „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, sagte Antoine de Saint-Exupéry. Das muss er wohl gemeint haben.

Autor: Ulrike Dauenhauer – http://www.doppelpunkt-praxis.de

Perspektiven

Platz zum Denken

Da hat doch jemand was gedreht! Ja, habe ich. Natürlich wächst das Gras nicht seitlich. Aber ich fand diese Perspektive zum Spruch passend. Es gibt ja ganz unterschiedliche Arten, aus dem Rahmen zu fallen. Es muss gar nicht auf eine Art geschehen, die peinlich ist oder unangenehm berührend für andere (oder mich selbst). Manchmal genügen einfache Dinge, um einer Situation eine neue Richtung und meinem Leben mehr Raum zu geben. Es ist ja nicht so, dass der Raum nicht da wäre. Nur trauen wir uns allzu oft nicht, uns diesen Raum auch zu nehmen.
Bisweilen schränkt es uns ganz enorm ein, was wir darüber denken, welchen Raum wir haben.

Im tiefen Grün Polens wurde mir das auch wieder deutlich. Ich war in einem anderen als dem gewohnten Rahmen. Und schon gingen meine Gedanken andere Wege. Während ich mit dem Paddel das Wasser durchpflügte, waren meine Gedanken in ihren ganz eigenen Gewässern unterwegs. Und die Natur bot mir viele Beispiele, über Dinge neu zu denken. Vielleicht ist der Rahmen, aus dem wir gelegentlich fallen sollten, einfach der Alltag, in dem uns vieles gefangen hält. Dazu braucht es nicht unbedingt lange Reisen von vielen Kilometern. Manchmal reicht schon ein Schritt in den nächsten Wald oder Park oder einfach vor die Haustür.

Autor: Ulrike Dauenhauer; http://www.doppelpunkt-praxis.de

Wir kommen wohin wir schauen

Was wir im Auge haben

In dieser Gegend waren wir also unterwegs. Grün, Wasser, Flüsse , viele Seen, Bäume, Schilf und so weiter. Nicht immer war der Weg klar zu sehen. Wiederholt führte uns unser Weg ins Schilf, wo ein Ortsfremder den Weg nicht gesehen hätte. Aber wir hatten einen Guide. Er kennt die Gegend und weiß, wo der Fluss durchs Schilf weiter geht, wo eine kurze Strecke durchs Schilf uns in einen neuen See bringt. Wie oft hätte ich ohne ihn nicht gesehen, wohin es gehen sollte. Er fuhr meist voran. Steuerte vom See zielsicher aufs Schilf zu. Mein Blick war auf ihn geheftet. Was wollte er da im Schilf, fragte ich mich beim ersten Mal. Aber er kannte sich in dieser Gegend aus, wie in seiner Westentasche konnte man meinen.
In den ersten Jahren sah ich die Durchgänge in das nächste Gewässer nicht. Aber im Vertrauen auf ihn paddelte ich tüchtig mit ins Schilf, kämpfte mich gegebenenfalls durch und fand – unter seiner Führung – tatsächlich den neuen See oder Fluss. Neue zauberhafte Welten eröffneten sich meinem Blick. Immer wieder war ich überrascht, wie anders es oft weiter ging.
Ich lernte zu schauen, lernte neues Sehen in einer mir völlig fremden Umgebung. Immerhin bin ich ein Großstadtkind und es gewohnt, mich völlig anders zu orientieren.
Und während ich diese neue Orientierung im Außen lernte, wurde mir immer klarer, wie mich mein Blick lenkt. Solange ich nur auf den Fluss schaute, sah ich nicht, wo die versteckten Abzweigungen waren. Es galt, den Blick zu weiten, dahinter zu schauen und zu erahnen, welche Möglichkeiten dort liegen könnten. Außen und innen.

Autor: Ulrike Dauenhauer, http://www.doppelpunkt-praxis.de

App- Empfehlung

Das hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal eine App auf dem Blog empfehlen würde. Aber irgendwann ist immer das erste Mal. Hier also meine Empfehlung:

Critisim Simulator von Dr. Ben Furman

https://play.google.com/store/apps/details?id=com.benfurman.criticism&hl=de

Ben Furman ist ein finnischer Psychiater und Psychotherapeut und international anerkannter Experte für lösungsorientierte Therapie. Ich habe ihn in Seminaren persönlich kennenlernen dürfen und kann sagen, dass er ein sehr humorvoller, kenntnisreicher, warmherziger und effizient lehrender Mensch ist. Es ist ihm ein großes Anliegen, Lösungen aufzuzeigen für unterschiedliche Themenbereiche. Dazu hat er viel geforscht und auch veröffentlicht. Und er ist sehr freigebig und daran interessiert, dass seine Lösungen auch kostenfrei zu den Menschen kommen. Das finde ich eine ganz großartige Eigenschaft an ihm. Seine App ist kostenfrei im Appstore zu haben.

Ich habe mir diese App vor kurzem runtergeladen, als er mitteilte, dass sie zu haben ist. Neugierig habe ich mir dieses Tool angeschaut. Und ausprobiert.

Man wird zunächst aufgefordert, den Namen und das Geschlecht der Person anzugeben, der man etwas Unangenehmes oder eben Kritik mitteilen möchte. Diese Daten werden NICHT gespeichert. Sie dienen lediglich dazu, die Simulation so zu gestalten, dass ich als Nutzer ständig die Person im Blick behalte, für die ich mir hier einen Tipp holen möchte.

Anschließend folgen Fragen zum Problem, die teilweise mit Angaben aus einer vorgegebenen Liste, teilweise aber auch durch Freitext-Eingabe beantwortet werden. Am Ende des Prozesses kommt die Lösung, die wir vermutlich in bekannter – und meist wenig hilfreicher – Manier gefunden hätten. Danach geht es mit anderen Fragen weiter, die uns zu anderen Antworten führen – wieder aus Listen oder per Freitext-Eingabe. Und dabei kommt dann eine ganz andere, hilfreiche Lösung heraus. Mit diesem Vorschlag kann man nun in das Gespräch mit der betreffenden Person gehen und hat bessere Voraussetzungen, dass die Kritik vom Gegenüber auch verstanden, angenommen und umgesetzt wird und ohne die Beziehung dadurch mehr zu belasten als nötig. Ich finde das sehr gelungen und wirklich hilfreich.

Die Nachteile der App: Sie liegt nur in Englisch und Finnisch vor. Die Schrift ist sehr klein.

Weitere Informationen über Ben Furman findet man zum Beispiel hier:

http://www.benfurman.com/en/

http://de.wikipedia.org/wiki/Ben_Furman

Der Depression davon laufen

Vorbemerkung:

Es ist nachweisbar und unbestritten, dass Bewegung und Sport sich positiv auf die Psyche auswirken, ja man kann sogar sagen antidepressiv wirken. Um einen spürbaren Effekt zu erzielen, brauchen Medikamente gegen Depression in der Regel zwei bis drei Wochen. Aber schon nach wenigen Einheiten Bewegung spüren die meisten Depressiven eine Verbesserung ihrer Befindlichkeit. Aber so, wie eine einzelne Tablette bei Depressionen nahezu nichts bewirkt, muss natürlich auch die Bewegung regelmäßig erfolgen, wenn sie nachhaltig wirken soll. Regelmäßig heißt etwa drei- bis viermal pro Woche für wenigstens 30 Minuten. Es gibt hier wissenschaftliche Belege, insbesondere für die Ausdauersportarten wie „Joggen“. Entscheidend ist hier, dass durch die Regelmäßigkeit der Stoffwechsel umgestimmt wird. Er lernt, wieder wichtige Hormone freizusetzen.

Wie und wann fange ich an?

Depressive Menschen haben oft die Idee, mit dem Sport anzufangen, wenn sie sich besser fühlen. Das ist natürlich eine Möglichkeit, aber leider bleibt es so oft bei der Idee, umgesetzt wird sie nicht bzw. viel zu selten. Es gilt aber auch genauso andersrum: Sobald ich anfange, werde ich mich besser fühlen. Allein, den Vorsatz in die Tat umgesetzt zu haben, bewirkt ein gutes Gefühl. Und dabei muss es ja gar nicht gleich eine ganze Runde Jogging gewesen sein. Es kann ja ein kleiner Anfang sein. Aus dem Haus gehen, einen Spaziergang machen und für einen Abschnitt mal den Schritt forcieren und spüren, wie der Körper nun anders leistet und wie sich das anfühlt. Schon nach wenigen solchen Aktionen ist das Gefühl von mehr Vitalität da und die Stimmung hellt auf. So wie der Appetit bisweilen beim Essen kommt, kann auch hier die Freude beim Tun entstehen und muss nicht vorher als Anfangsbedingung gegeben sein. Also: Trotz Unlust anfangen!

Wie mache ich es richtig?

Wenn Sie es erstmal geschafft haben, das Haus zu verlassen und die ersten kleineren Trainingseinheiten hinter Ihnen liegen, geht es darum, es so zu tun, dass Sie langfristig davon profitieren und Freude daran erleben. Wenn Sie Anfänger sind, sollten Sie in kleinen Einheiten starten. 20 – 30 Minuten sind anfangs genug. Beginnen Sie locker zu gehen, steigern Sie das Tempo abschnittsweise. Mit anderen Worten: gehen Sie spazieren und bauen Sie Intervalle ein, in denen Sie das Tempo forcieren und gehen Sie dann wieder normal weiter. Dabei können Sie schauen, welche Intervalle genau für Sie gut sind. Je nachdem, wie lange Sie wenig oder keinen Sport gemacht haben, können Sie zunächst 3 Minuten forciert gehen und dann 2 Minuten normal oder dann auch im Verhältnis 4 Minuten zu 2 Minuten. Probieren Sie es aus! Wichtig ist, dass Sie mit kurzen Phasen des schnelleren Tempos beginnen. Viele erleben Frust, weil sie sich zu viel am Anfang vornehmen. Sie versuchen auf Anhieb 15 – 20 Minuten zu joggen und schaffen das nicht oder erleben es nur furchtbar. Wenn Sie 4 Einheiten von 3 Minuten forciertem Gehen und 2 Minuten normalem Gehen am Anfang praktizieren, haben Sie einen guten Grundstein gelegt, auf dem Sie aufbauen können, erleben Vitalität und einen Zuwachs an Leistungsfähigkeit und damit Freude und weitere positive Gefühle. Je regelmäßiger Sie dies tun und dabei bleiben, desto besser stabilisiert sich Ihre innere Verfassung und finden Sie auch wieder Tritt im Alltag.

Das Laufen ersetzt keine Therapie! Aber es kann sie nachhaltig unterstützen. (Artikel wird fortgesetzt)