DOPPEL:PUNKT – Der kleine Unterschied

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Im Gegensatz zu einem Punkt, welcher das Ende eines Satzes markiert (auch umgangssprachlich: „Jetzt mach aber ´mal einen Punkt!“) will der Doppelpunkt zeigen: Es geht noch weiter! Es folgt noch eine Information oder sogar eine Aufzählung. Der Doppelpunkt stellt somit eine Ankündigung dar, eine Andeutung, dass es weiter geht, dass es noch nicht vorbei ist. Er beendet zwar eine Aussage und macht zugleich deutlich, dass etwas Neues beginnt.
Dies war übrigens einer der Gründe, warum wir unserer psychotherapeutischen Praxis einen Namen mit Bedeutungshintergrund gegeben haben und nicht einfach nach unserem Nachnamen. Wir wollten schon im Namen deutlich machen wovon wir überzeugt sind: dass eine Krise nicht das Ende bedeutet oder der Weltuntergang ist. Es gibt ein Danach! Irgendwie geht es weiter. Das gilt es herauszuarbeiten. Dabei wollen wir unterstützen, helfen, erleichtern. Der Doppelpunkt macht den Unterschied zwischen Resignation und Hoffnung.
Wenn man den Doppelpunkt aber nicht wie üblich als zwei Punkte über-, sondern nebeneinander schreibt, hat dies wieder eine andere Bedeutung. Diese zwei Punkte verändern im deutschen die Vokale. Aus A wird Ä und aus U wird Ü und aus O wird Ö.
Bei einem bestimmten Verb führen diese zwei kleinen Pünktchen zu einem enormen Unterschied im zwischenmenschlichen Umgang. Es handelt sich um die Aufforderung: „Fordern“. Der Doppelpunkt auf dem o macht aus „fordern“ ein „fördern“. Und dass sich das für den Empfänger der Botschaft sehr viel anders anhört und anfühlt, dürfte leicht nachvollziehbar sein.
Gerade jetzt in den letzten Wochen des Jahres fallen wieder viele in den Herbst- und Winter-Blues. Die Depression in der dunklen Jahreszeit macht so manchem zu schaffen. Gerne macht man diesen Leidenden sanften Druck und fordert: „Geh doch mal spazieren! Draußen scheint die Sonne! Das tut dir gut!“ Was der Laie nicht weiß: der depressiv Erkrankte möchte – und kann nicht! Statt ihn zu fordern, wäre es hilfreicher, ihn zu fördern: „Draußen scheint die Sonne! Ich mache jetzt einen kurzen Spaziergang. Wenn Du möchtest, kann Du mich begleiten!“ Hier wird dem Depressiven die Wahl gelassen. Ich respektiere seinen Wunsch oder akzeptiere seine Grenzen. Auch muss ich damit leben, wenn er meine Einladung ablehnt. Aber er fühlt sich gefördert statt gefordert. Was fühlt sich besser an?
Diese und andere Gedanken zum Umgang mit depressiven Menschen findet sich in meinem Buch: „Und wo bleibe ich? Leben mit depressiven Menschen. Ein Leitfaden für Angehörige“. Es wurde in den 90er Jahren verfasst, als die Aufklärung über die Volkskrankheit Depression noch in den Kinderschuhen steckte. Inzwischen ist das Buch in der vierten Auflage für 12,40 € im Handel und es gibt auch eine französische Übersetzung.
© Matthias Dauenhauer

„Ein alter Bekannter“

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Am 04. November 2015 durften wir auf einer Tagung in Heidelberg einen alten Bekannten treffen: Prof. Philip Zimbardo, einen der einflussreichsten lebenden Psychologen.

Er ist ein alter Bekannter, aber anders als es die Fotos suggerieren. Wir haben Phil vorher noch nie gesehen (außer auf youtube). Aber wir haben Fachliteratur dieses weltberühmten Psychologen gelesen und natürlich in Vorlesungen von seinen Forschungen gehört. Er ist inzwischen 82 Jahre alt und weltweit bekannt durch sein Gefängnis-Experiment, also ein „alter Bekannter“.

In Zeiten der Studentenunruhen, der Hippie-Bewegung und Flower-Power-Zeit, der Anti-Vietnam-Demonstrationen hat der 1933 in New York geborene italienisch stämmige Professor im Jahre 1971 an der Stanford Universität in Kalifornien eine sozialpsychologische Untersuchung durchgeführt, die unter dem Namen Stanford-Prison-Experiment (SPE) Eingang in die Psychologiegeschichte nehmen sollte. Bekannt wurde auch eine Verfilmung des Stoffes mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle unter dem Titel: „Das Experiment“, angelehnt an die tatsächlichen Vorgänge der frühen Siebziger.

Zimbardo ging der Frage nach, ob das „Böse“ eher auf Faktoren zurückzuführen ist, die innerhalb einer Person liegen, also Persönlichkeitseigenschaften, früher auch Charakter genannt. Oder ob das „Böse“ eher durch äußere Umstände zu erklären ist. Handelt es sich um vereinzelte „faule Äpfel“ in einem Fass, oder um Äpfel in einem „faulen Fass“?

Mit Kriegsverbrechen in den verschiedensten Teilen der Welt hat sich Zimbardo auseinandergesetzt. Er untersuchte Vietnam-Veteranen und war auch Gutachter in den Prozessen, in welchen US-Soldaten vorgeworfen wurde, im Gefängnis von Abu-Ghraib Gefangene misshandelt und gefoltert zu haben.

Seine ganze Forschung zu diesem Thema ist in einem Bestseller zusammengefasst: „Der Luzifer-Effekt. Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen.“ In diesem vielbeachteten Buch – es war eine ganze Weile auf der Bestsellerliste der New York Times, kommt Zimbardo zu dem Schluss, dass entgegen weit verbreiteten Erklärungsversuchen es vielmehr die situativen Umstände sind, die aus „normalen“ Menschen Bestien machen und viel weniger die charakterlichen Eigenschaften des Menschen.

Vaclav Havel schreibt über das rund 500 Seiten umfassende Werk: Er „ … verdient einen tief empfunden Dank für die Offenlegung und Beleuchtung der dunklen, verborgenen Winkel der menschlichen Seele. Sein Buch ist eine nicht immer ermutigende Lektüre. Doch der Autor zeigt sehr deutlich, dass es zu den entscheidenden Herausforderungen der menschlichen Existenz gehört, sich selbst kennenzulernen.“
Im Grunde bedeutet dies: In jedem von uns steckt ein Teufel. Oder, um persönlicher zu werden: auch in mir steckt Dämonisches. Ob es zum Vorschein kommt, hängt nicht allein von mir ab, sondern sehr wesentlich von der Situation, in der ich mich befinde. Darum lautet der Untertitel seines Buches auch: „Understanding how good people turn to evil“.

Schon als Pastor habe ich in einer Predigt vor vielen Jahren mal behauptet, dass der Teufel, der uns verführt, nur eine billige Ausrede sein könnte. Ich selbst trage so viel Diabolisches in mir, dass ich den Teufel als Begründung für Fehlverhalten gar nicht brauche. Das Gute und das Böse schlummern in mir. Hierzu passt auch perfekt ein Litho von M. C. Escher aus dem Jahre 1960, welches je nach Sichtweise viele Engel oder viele Teufel zeigt: „Circle Limit IV“ Engel und Teufel

Der Teufel war nach biblischer Darstellung einmal ein besonderer Engel: der Luzifer, eine Lichtgestalt. Wie eine Lichtgestalt aus großen Höhen fallen kann, erleben wir dieser Tage im deutschen Fußball …

Ich will die Hoffnung für mich nicht aufgeben, dass ich trotz äußerer Umstände und ungünstiger Situationen öfter den Engel als den Teufel zum Fliegen bringe und sichtbar werden lasse. Und ich will auch nicht aufhören daran zu glauben, dass andere Menschen, auch wenn sie Böses getan haben, i.d.R. Opfer der Umstände wurden und nicht durch und durch selbst Böse sind. Damit meine ich nicht, dass sie von der Verantwortung für ihr Handeln frei gesprochen sind. Aber ich werde mit Pauschal- und Vorverurteilungen vorsichtiger sein, denn ich weiß nicht, ob und wann ich selbst zum Dämon werde.

© Matthias Dauenhauer

Eine folgenschwere Entscheidung

Jeder übermütige Sieger arbeitet an seinem Untergang. (Jean de la Fontaine) - www.doppelpunkt-praxis.de

Am 16. Dezember 1991 sank im Roten Meer Nahe der Bucht von Safaga ein Fährschiff. Es war eine stürmische Nacht. Die Salem Express hatte viele Passagiere an Bord, welche von einer Pilgerfahrt aus Mekka zurückkamen. Nur rund 200 Überlebende wurden nach dem Unglück gezählt. Mindestens 700 Passagiere ertranken nach offiziellen Angaben. Vermutlich waren aber noch hunderte weitere Pilger an Bord, die gar nicht registriert waren.

Wir durften im September einen Tauchgang zum Wrack der Salem Express unternehmen. Es liegt in einer Tiefe von 20 bis 30 Metern auf seiner Steuerbordseite. Das Wrack wurde offiziell zum Grab erklärt, weil nicht sichergestellt werden konnte, dass alle Leichen geborgen worden waren. Darum ist das Hineintauchen verboten. Aber auch das Drumherum-Tauchen ist spannend. Das Wasser ist klar und man hat eine Sicht von ca. 30 Metern. Allerdings verblassen die Farben in dieser Tiefe, wie auf dem Foto gut zu erkennen ist. Das gibt diesem nicht geborgenen Schiff einen leicht unheimlichen Charakter. Interessant ist auch, wie nach einem knappen Vierteljahrhundert die Natur sich ihre Welt zurück erobert. Das Wrack wurde für viele Fische und Korallen eine neue Heimat.

Wir haben uns gefragt, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte. Die moderne Technik mit GPS, Tiefenmesser und Radar sollte Unglücke dieser Art eigentlich ausschließen! Der Kapitän soll nach Berichten Ansässiger sogar aus Safaga gestammt haben. Er kannte diese Bucht wie seine Westentasche und war sich sicher, dass er die offizielle Schifffahrtsroute verlassen konnte, um eine Abkürzung zu nehmen. Es wurde für viele eine Abkürzung ihres Lebens. Er rammte ein vorgelagertes Riff. Wasser drang rasend schnell in den Innenraum der Fähre. Das Schiff sank binnen 10 Minuten. Der Kapitän war sich seiner Sache sehr sicher gewesen. Zu sicher! Er hat sich und sein Können überschätzt. Ein Übermut, der zum Untergang führte.

Ob der Kapitän im Sinne des Zitates ein Sieger oder gar ein übermütiger Sieger gewesen ist, lässt sich schwer beurteilen. Fakt ist, dass seine Fehleinschätzung zum Untergang geführt hat. Wo verläuft die Grenze zwischen mutig sein und übermütig sein? Zwischen etwas wagen („Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“) und etwas aufs Spiel setzen? Und macht es einen Unterschied, ob ich ein Risiko eingehe, das nur mich selbst betrifft, oder auch andere Menschen? Wo beginnt und wo endet meine Verantwortung?

Mut wird als erstrebenswerte Tugend dargestellt. Übermut (gr. Hybris; lat. superbia) dagegen als Laster. In der milden Form als Leichtfertigkeit, in gesteigerter als Tollkühnheit.

Ich hoffe, dass es mir zukünftig immer gelingen wird, mutig zu sein, wo es die Situation erfordert (z.B. Zivilcourage zu zeigen), aber vor Übermut bewahrt zu bleiben, insbesondere wenn andere Menschen durch meine Entscheidung maßgeblich betroffen oder gar gefährdet sind.

© Matthias Dauenhauer – Praxis Doppelpunkt

Depressionen

Die Volkskrankheit „Depression“ betrifft viele von uns. Jeder fünfte deutsche wird im Laufe seines Lebens einmal depressiv. Und wen es nicht selbst trifft: in der Nachbarschaft, im Kollegenkreis oder gar in der eigenen Familie ist man als Angehöriger mitbetroffen.

Wie eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, werden Depressionen unzureichend behandelt. Nur etwa jeder zweite erhält eine angemessene Behandlung.

Es ist wichtig, sich mit dieser Erkrankung mehr auseinanderzusetzen. Erkrankte werden noch immer stigmatisiert, Angehörige sind verunsichert.

Schon 1996 habe ich darum ein Buch für Angehörige geschrieben, dass zur Aufklärung beitragen soll: „Und wo bleibe ich? Leben mit depressiven Menschen. Ein Leitfaden für Angehörige.“ Es ist erschienen beim DVG in Ostfildern. Zur Zeit ist die vierte Auflage im Buchhandel für 12,40 € zu bekommen. 1999 wurde das Buch auch ins französische übersetzt.

Buch Cover Depression deutsch

Jetzt am 22. März 2014 werde ich in der Kirchengemeinde der Adventisten in Esslingen um 19:30 einen öffentlichen Vortrag zu diesem Thema halten.

Plakat Vortrag Depression Dauenhauer

Ich erhoffe mir für alle Betroffenen, dass Sie durch etwas mehr Hintergrundwissen auch mehr Verständnis für den Erkrankten entwickeln, seine spezielle Art zu Denken, zu Fühlen und zu Handeln.

FLURIEL feiert Weihnachten

Vorgeschichte:

Fluriel ist ein ziemlicher normaler Engel, allerdings mit einem Schönheitsfehler: er hat fürchterliche Angst vor dem Fliegen! Darum schlendert er lieber oder besser noch: er sitzt. Seine Engelkollegen necken ihn gerne wegen seines Aussehens und vergleichen ihn mit einer Hummel.
Als er eines Tages zum Schutzengel für ein Mädchen auf der Erde befördert wird, bekommt er ein echtes Problem. Wie kommt er auf die Erde? Wie kann er ein guter Schutzengel sein, ohne Fliegen zu müssen? Fluriel erlebt in der schwäbischen Kleinstadt mit der kleinen Liese Zimper so manche Abenteuer. Eines passt ganz gut in die Adventszeit:

Kapitel 7: Fluriel feiert Weihnachten

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt…“ Feuer ist für jedes Kind etwas Faszinierendes. Da machte Liese keine Ausnahme. Sie war diesbezüglich gar nicht zimperlich. Schon oft hatte sie von ihren Eltern gehört: „Man spielt nicht mit Feuer!“ Liese nickte immer artig mit dem Kopf und erwiderte: „Tu ich doch gar nicht! Ich untersuche das Feuer, ich ekspieremente mit den Flammen! Ich spiele nicht!“ – „Ich experimentiere!“, verbesserte die Mutter. „Sag ich doch: ich ekspieremente!

Fluriel hatte in den letzten Jahren schon mehrere dieser Dialoge gehört und jedes Mal legte er seinen Kopf etwas zur Seite, runzelte seine Stirn und dachte: „Eines Tages passiert es, liebe Mama Zimper, egal wie oft Du Dein Sprüchlein wiederholen magst!“

Es war Heilig Abend, als das Haus in der Hummelgasse 13 mit zahlreichen Kerzen erhellt war. Ein wunderschöner Christbaum stand im Wohnzimmer, von seinen Zweigen hingen prächtige Glaskugeln herunter. In diesen spiegelten sich die angezündeten Kerzen und die – wie Fluriel dachte – kitschigen Engelfiguren mit Pausbacken und Posaunen und – was noch schlimmer war – mit unnötig großen Flügeln.

Es war der Tag, den Fluriel schon lange vorhergesehen hatte: Liese, die intelligente Grundschülerin, experimentierte mal wieder mit den Flammen. Zwar hatte Papa seiner Tochter noch einmal eingeschärft, dass sie die Kerzen nur anschauen dürfe und er hatte sogar für alle Fälle einen mit Wasser gefüllten Eimer neben den Tannenbaum gestellt, aber Vater Zimper hatte nach mehr als sechs Jahren Erziehung noch immer nicht begriffen, dass Kinder auch an den Händen „Augen“ haben. Kinder schauen mit den Händen. Liese schaute mit den Augen, solange die Eltern im Raum waren. Als sie mal kurz in den Keller gingen, um von dort versteckte Geschenke heraufzuholen, schaute Liese mit den Händen.

Bei der ersten Kerze passierte noch nichts. Also schaute Liese noch mal. Dann ging es Schlag auf Schlag. Die Kerze war wachsweich, bekam Schräglage, ein Engel – es war der kitschigste, wie Fluriel meinte – fing Feuer, der Faden, an dem er hing auch, und wie ein Engel des Lichts, flog dieser Lucifer auf den einzigen brennbaren Gegenstand in nächster Nähe: eine Serviette mit ein paar Nüssen darauf. Die Serviette loderte auf. Es drohte ein verheerender Zimmerbrand. Liese sprang auf, weil das Experiment plötzlich ganz anders verlief, als beabsichtigt – sie sollte sich Jahre später im Physik- und Chemieunterricht regelmäßig an diese frühe Erkenntnis erinnern.

Nur Fluriel, der Schutzengel war die Ruhe selbst. Als Liese hektisch aus dem Zimmer rennen wollte, um Mama zu holen, stellte er ihr ein Bein, so dass Liese so heftig gegen den Wassereimer stieß, dass dieser umkippte und sein Inhalt sofort und nachhaltig das Feuer löschte. Ein Brand hätte sogar Gesundheit und Leben in Gefahr gebracht.

Liese lag noch in der Pfütze wie ein begossener Pudel, als die Tür aufging und die Eltern erschienen. Sie stutzten und lachten dann laut auf. Es sah zu lustig aus, wie ihre Tochter klatschnass unter dem Christbaum lag und sie mit großen Augen anschaute. „Gleich werden sie losschimpfen!“, dachte Liese. Aber stattdessen sagte der Vater erleichtert: „Na, wenigstens hast Du nicht mit dem Feuer gespielt! Ab jetzt sei bitte so nett, und spiele in Zukunft auch nicht mit dem Wasser!“

Fluriel musste grinsen. Am meisten aber freute ihn, dass der kitschige Engel in der Hölle gelandet war. Vater Zimper fand ihn übrigens erst zwei Wochen später, also im nächsten Kalenderjahr, als er den Tannenbaum in den Garten brachte.

Nachdem die Pfütze aufgewischt und Liese trockene Kleidung angezogen hatte, gab es auch noch eine schöne Bescherung. Allerdings verging Fluriel das Grinsen wieder, als Vater Zimper eines seines Geschenke öffnete und eine Musik-CD zum Vorschein kam. „Rimski-Korsakow! Toll! Der Hummelflug! Danke, mein Schatz, Du bist ein Engel!“ rief Herr Zimper und strahlte seine Frau an. Fluriel hielt sich die Hand vor die Augen und verdrehte diese gleichzeitig.

Fluriel hörte auf zu zählen, aber der Hummelflug wurde bereits an Heilig Abend x-Mal gespielt und es sollte noch wochenlang so weitergehen: Wie eine Zeremonie wurde Abend für Abend die neue CD ins Gerät eingelegt und ein paar Mal hintereinander abgehört. „Wer hat nur die leidige Wiederholfunktion erfunden!“, ärgerte sich Fluriel. Herr Zimper aber hatte seit Heilig Abend ein neues Lieblingslied.

Dies war ein Buchauszug von Matthias Dauenhauer:
FLURIEL, der Engel, der Angst vor dem Fliegen hatte.
Eine Kindergeschichte auch für erwachsene Angsthasen.
Ein Hörbuch im mp3-Format mit 105 Minuten Laufzeit.
Eine weitere Leseprobe und eine Hörprobe findet sich unter www.fluriel.de

Onanie zu Weihnachten

Auf die Frage des Psychoanalytikers, ob er sich selbst befriedige, antwortete der Patient: „O! Na! Nie!“

Vielleicht ist jemand enttäuscht, wenn er jetzt erfährt, dass es hier nicht um „Masturbation unterm Weihnachtsbaum“ geht. Es geht in diesem Artikel um die Onanie in ihrer ursprünglichen Bedeutung.

Seit langer Zeit wird die Onanie mit Selbstbefriedigung gleichgesetzt. Völlig zu Unrecht! Der Begriff wird auf eine Begebenheit aus dem Alten Testament (1. Mose 38) zurückgeführt, in welcher ein Mann namens Onan sich weigert, seinem verstorbenen, kinderlosen Bruder „Nachkommen zu schaffen“, mit anderen Worten: die Witwe zu schwängern. Bei der sogenannten Schwagerehe (= Levirat) sollte der so gezeugte Nachkomme als Sohn des Bruders gelten, der dadurch doch noch einen Erben hat. Onan legt sich zwar zur Witwe, vollzieht dann aber einen Coitus interruptus: er ließ seinen „Samen auf die Erde fallen“. Zu dieser Schwagerehe wäre Onan gesetzlich verpflichtet gewesen. Diese Ordnung, seinem verstorbenen Bruder einen Nachkommen zu zeugen, war sozial motiviert. Seine Weigerung war also genau genommen eine Verweigerung, soziale Pflichten zu übernehmen. Dafür habe ich den Begriff Sozial-Onanie geprägt.

Seit Jahrzehnten ist zunehmend zu beobachten, wie die Sozial-Onanie – gerade zu Weihnachten – zunimmt. Man beschenkt sich, man beschenkt andere. Oftmals wird genau aufgerechnet, wer wie viel zu bekommen hat. Seien wir ehrlich: viele Geschenke sind überflüssig. Oftmals beschenkt man Menschen, die sowieso genug von allem haben. Und die es einem in anderer Form wieder zurückschenken. Keine Frage, das ist gut für die deutsche Wirtschaft. Aber vom Sinn des Schenkens ist das doch weit entfernt. Macht es nicht viel mehr Freude, die zu beschenken, die es gar nicht erwidern können? Kinder oder Arme, Flüchtlinge und Asylanten, Arbeitslose und Obdachlose?

Wäre nicht gerade Weihnachten auch eine Gelegenheit einmal darüber nachzudenken, wo wir als Staat, als Gesellschaft, als Kommune, als Kirchengemeinde, als Familie, als Einzelner uns der sozialen Verantwortung entziehen!? Wo wir Sozial-Onanie betreiben!?
Im erweiterten Sinne gibt es schon so etwas wie materielle Selbstbefriedigung …

Ich will nicht einseitig darstellen. Zu Weihnachten gibt es auch viele Menschen, die für soziale Projekte spenden. Nicht umsonst nehmen die Bettelbriefe und Spendenaufrufe gerade in der Adventszeit flutartig zu. Diese Hilfsbereitschaft ist erfreulich, selbst wenn sie manchmal nur das schlechte Gewissen beruhigt. Wäre die vorweihnachtliche Zeit nicht eine Chance, sich umzuschauen und sich Gedanken zu machen, wo, wie und wem gegenüber wir soziale Verantwortung tragen? Und darüber hinaus: soziale Verantwortung sollte nicht nur zu Weihnachten wahrgenommen werden. Sie sollte unser tägliches Leben begleiten.

Die biblische Geschichte berichtet zwar von einem unschönen Ende für Onan. Manchmal scheint es aber heute, als ginge es den Geizkragen, Egomanen und Sozial-Onanisten irgendwie besser als den Großzügigen, Spendablen und sozial Engagierten. Ich glaube, der erste Eindruck täuscht! Die Erforschung des menschlichen Glücks hat wiederholt gezeigt, dass das alte Prinzip „Geben ist seliger als Nehmen“ auch noch heute gilt. Andere zu beglücken schafft eigenes Glück.

Na denn: viel Glück! Und gesegnete Weihnachten!

© Matthias Dauenhauer

 

Eine kleine Klogeschichte oder: Vom richtigen Zeitpunkt

Der richtige Zeitpunkt entscheidet nicht selten über Gelingen oder Misslingen eines Vorhabens. Für Saat und Ernte gibt es wenige „richtige“ Zeitpunkte, aber viele falsche. Das Zeitfenster für den Erfolg ist manchmal recht klein.

Aus dem Alltag kennen wir zahlreiche Situationen, in denen ein Ereignis genau zum „falschen“ Zeitpunkt eintritt, dann nämlich, wenn wir es am wenigsten brauchen können: Irgendwann braucht unsere Kaffeemaschine frische Bohnen, aber warum gerade dann, wenn ich es besonders eilig habe!? Und nachdem ich die Bohnen nachgefüllt habe, blinkt die Meldung: „Wassertank leer“. Zu allem Überfluss soll anschließend auch noch der Trester geleert werden, bevor man sich den Espresso herauslassen kann. Irgendwie kommt dann alles zusammen – zum falschen Zeitpunkt. Dann, wenn man keine Muße und keine Zeit hat.

Tante Frieda spreche ich eigentlich gerne, aber warum ruft sie genau dann an, wenn ich gerade auf dem Klo sitze und Sudoku spiele! Apropos Klo. Auch hier hat wahrscheinlich jeder schon mal erlebt, wie es sich anfühlt, wenn man sich zu spät auf den Weg gemacht hat … dann hat man auf den Weg oder zumindest in die Hose gemacht. Eine Klogeschichte der besonderen Art hat sich in meiner Familie ca. 1919 zugetragen:

Mein Großvater Nikolaus lebte in einem deutschen Dorf in der Nähe von Odessa und bewirtschafte ein größeres Gut. Er war verheiratet und hatte zwei Söhne, als die Oktoberrevolution ausbrach. Seine deutsche Herkunft und sein Vermögen machten ihn zur Zielscheibe der Kommunisten. Zudem war er Offizier in der zaristischen Armee. Die ganze Großfamilie – er hatte 11 Geschwister – wurde in alle Winde zerstreut, kam nach Sibirien oder wurde erschossen. Er selbst floh westwärts nach Polen und kam dort in ein Lager. Deutschland nahm damals keine volksdeutschen aus Russland auf. Er hatte keine Ahnung, was aus seiner Familie und Verwandtschaft geworden war. Informationen waren schwer zu beschaffen. Das Lagerleben war nicht einfach, Krankheiten grassierten, Nahrungsmittel waren knapp. An Luxus war schon gar nicht zu denken. Toiletten mit Wasserspülung? Luxus! Toilettenpapier? Luxus! Stattdessen gab es Plumpsklos, auch Donnerbalken genannt, und Zeitungsfetzen, um sich den Hintern zu säubern. Da es auch kein Radio oder Lesestoff gab, gewöhnte man sich an, auf der Toilette Zeitung zu lesen, bevor man sie als Klopapierersatz benutzte. Eines Tages passierte etwas Unglaubliches, extrem Unwahrscheinliches. Er „musste“ mal wieder, hatte ein Bedürfnis. Er ging aufs Klo – zum richtigen Zeitpunkt! Nicht zu früh und nicht zu spät. Er sitzt auf dem Donnerbalken und nimmt sich das oberste Zeitungsblatt. Wie gewohnt liest er es – es war so ziemlich der einzige Lesestoff, den man kriegen konnte. Seine Augen bleiben auf einer Suchanzeige hängen: „Raphael Dauenhauer z. Z. in Südfrankreich sucht seinen Bruder Nikolaus. Meldung bitte an …“. Er traute seinen Augen nicht. Sein jüngerer Bruder hatte sich nach Frankreich durchgeschlagen und in einer Zeitung nach ihm inseriert. Wie diese Zeitung nach Polen kam? Niemand weiß es! Was gewesen wäre, wenn mein Großvater Verstopfung gehabt hätte? Oder er ein anderes Plumpsklo benutzt hätte? Oder ein anderer vor ihm aufs Klo gemusst hätte? Das weiß jeder: Sie hätten sich wohl nicht gefunden, jedenfalls nicht so bald. Aber Großvater musste aufs Klo – zum genau richtigen Zeitpunkt!

Es gibt in vielen Bereichen den „richtigen“ Zeitpunkt. Aus der Entwicklungspsychologie weiß man, dass es Zeitfenster gibt, in denen Kinder optimal eine Fremdsprache oder ein Musikinstrument lernen können. Im zwischenmenschlichen Bereich hat jeder schon erlebt, dass sein Gegenüber in manchen Momenten oder Lebensphasen nicht ansprechbar ist, weil er mit einer anderen Sache innerlich beschäftigt ist. „Belegt“, könnte man sagen! Wenn man den richtigen Zeitpunkt erwischt, ist vieles möglich. Kaum jemand wird zu seinem Chef gehen, und um eine Gehaltserhöhung bitten, nur weil einem selbst gerade danach ist. Man wird sich überlegen, wann es geschickt ist, den Chef zu fragen und falls er an diesem Tag in schlechter Stimmung ist, wird man sein Vorhaben verschieben. Es gibt für viele Dinge den rechten Zeitpunkt.

Allerdings gibt es auch Dinge, für die es scheinbar nie d e n richtigen Zeitpunkt gibt. Es ist scheinbar immer ungünstig, es jetzt zu tun. Wenn dem so ist, dann könnte man aber auch sagen: es ist egal, wann ich es tue, es ist immer zugleich der richtige Zeitpunkt. Dann heißt es: Mach ´s gleich!
Schon in der Bibel ist das Phänomen des richtigen Zeitpunktes beschrieben: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen …“ (Markus 1:15). Hier steht in der griech. Sprache „Καιρός“ (kairos), was nicht einfach einen zeitlichen Termin oder ein Datum meint, sondern den günstigen Moment, den es beim Schopfe zu packen gilt. Im Gegensatz dazu wird der Begriff Chronos (χρόνος) gebraucht, der einen – oft auch längeren – Zeitabschnitt meint. Die Menschwerdung Gottes geschah nicht einfach irgendwann, sondern prophetisch vorhergesagt zum optimalen Zeitpunkt.

Auch in unserer psychotherapeutischen Arbeit erleben wir immer wieder, dass es im gesamten Verlauf (Chronos) gilt, den richtigen Moment (Kairos) für Veränderungen und Weichenstellungen zu finden. Der gleiche Rat, dieselbe Intervention, eine identische Hilfestellung: zum falschen Zeitpunkt bleibt sie ohne Wirkung. Aber im richtigen Moment eingesetzt, bringt sie viel in Bewegung.

An dieser Stelle ist der richtige Zeitpunkt, den Artikel zu beenden. Sonst würde er zu lang. Also denn: ich wünsche uns allen das gute Gespür für den richtigen Zeitpunkt, um unser tägliches Leben zu meistern.

© Matthias Dauenhauer