Indische Elefanten – und was wir von ihnen lernen können

1993 besuchte ich für einige Wochen den indischen Subkontinent. Das Land und die Menschen in so kurzer Zeit wirklich kennen zu lernen, ist unmöglich. Dennoch bleiben zahlreiche Eindrücke zurück. Darunter die Beobachtung von Elefanten bei der Arbeit.

Der indische Elefant kann über 3 m Schulterhöhe erreichen und bis zu 5,5 Tonnen wiegen. Er wird sehr früh ans Arbeiten gewöhnt. Zu den „Erziehungsmaßnahmen“ gehört auch, ihm mit brutaler Gewalt seinen Willen zu brechen, ihn gefügig und gehorsam zu machen.

Aus Sicht der Tierschützer könnte man eine Menge dazu schreiben. Ich will einen Aspekt unter psychologischen Gesichtspunkten herauspicken:

Anfangs bindet man den Elefanten mit einem dicken Seil an einem Baum fest, so dass er die Erfahrung macht, dass er auch mit der größten Kraftanstrengung sich nicht selbst losmachen kann. Alles, was er unternimmt, um sich los zu reißen, bereitet letztlich nur Schmerzen. Es führt zu keinem Erfolg. Er erlebt Hilflosigkeit. Und gibt dann irgendwann auf, es zu versuchen. Er fügt sich in sein Schicksal. Später kann man diesen Elefanten mit einer einfachen Wäscheleine festbinden. Er hat nie gelernt, nie erlebt, dass er sich befreien kann. So wird er selbst durch eine dünne Schnur, die sofort beim einfachen Losgehen zerreißen würde, zurückgehalten. Er hat die Hilflosigkeit erlernt.

Dies entspricht weitgehend dem Konzept des amerikanischen Psychologen Martin Seligman. Die erlernte Hilflosigkeit beim Menschen kann zu Depressionen führen. Bestenfalls wird sie zu einem typischen Verhaltensmuster, welches sich auch im Denken wiederspiegelt und Formulierungen hervorbringt wie: „Da kann man eh nichts machen!“, oder „Das ist Schicksal!“, oder „Kismet – Gottes Wille!“ und ähnliche Aussagen, die ausdrücken, dass es sich nicht lohnt, das Leben zu planen, denn „es kommt sowie so anders, als geplant“.

Sowohl der trainierte indische Elefant als auch der Mensch mit seiner erlernten Hilflosigkeit lebt in einem „kognitiven Gefängnis“. Würde der Elefant seine Erfahrung einmal überprüfen, würde der Elefantenführer große Augen bekommen. Würde der Mensch in seiner erlernten Hilflosigkeit seine Erfahrungen einmal überprüfen, er würde auch immer wieder große Augen bekommen.

Der indische Elefant lehrt uns, ab und zu die gemachten Erfahrungen zu überprüfen. Wir sind längst nicht immer so hilflos, wie wir glauben. Sicherlich ist nicht alles machbar und alles planbar. Es gibt schon Ungewissheiten. Aber es ist eben auch nicht alles Schicksal. Wir können unser Leben in weiten Bereichen planen oder zumindest beeinflussen. Oder wie der Statistiker sich ausdrückt: die Wahrscheinlichkeit für erwünschte Folgen erhöhen.

In diesem Sinne: machen wir es besser als der indische Elefant!

(c) Matthias Dauenhauer