Eine kleine Klogeschichte oder: Vom richtigen Zeitpunkt

Der richtige Zeitpunkt entscheidet nicht selten über Gelingen oder Misslingen eines Vorhabens. Für Saat und Ernte gibt es wenige „richtige“ Zeitpunkte, aber viele falsche. Das Zeitfenster für den Erfolg ist manchmal recht klein.

Aus dem Alltag kennen wir zahlreiche Situationen, in denen ein Ereignis genau zum „falschen“ Zeitpunkt eintritt, dann nämlich, wenn wir es am wenigsten brauchen können: Irgendwann braucht unsere Kaffeemaschine frische Bohnen, aber warum gerade dann, wenn ich es besonders eilig habe!? Und nachdem ich die Bohnen nachgefüllt habe, blinkt die Meldung: „Wassertank leer“. Zu allem Überfluss soll anschließend auch noch der Trester geleert werden, bevor man sich den Espresso herauslassen kann. Irgendwie kommt dann alles zusammen – zum falschen Zeitpunkt. Dann, wenn man keine Muße und keine Zeit hat.

Tante Frieda spreche ich eigentlich gerne, aber warum ruft sie genau dann an, wenn ich gerade auf dem Klo sitze und Sudoku spiele! Apropos Klo. Auch hier hat wahrscheinlich jeder schon mal erlebt, wie es sich anfühlt, wenn man sich zu spät auf den Weg gemacht hat … dann hat man auf den Weg oder zumindest in die Hose gemacht. Eine Klogeschichte der besonderen Art hat sich in meiner Familie ca. 1919 zugetragen:

Mein Großvater Nikolaus lebte in einem deutschen Dorf in der Nähe von Odessa und bewirtschafte ein größeres Gut. Er war verheiratet und hatte zwei Söhne, als die Oktoberrevolution ausbrach. Seine deutsche Herkunft und sein Vermögen machten ihn zur Zielscheibe der Kommunisten. Zudem war er Offizier in der zaristischen Armee. Die ganze Großfamilie – er hatte 11 Geschwister – wurde in alle Winde zerstreut, kam nach Sibirien oder wurde erschossen. Er selbst floh westwärts nach Polen und kam dort in ein Lager. Deutschland nahm damals keine volksdeutschen aus Russland auf. Er hatte keine Ahnung, was aus seiner Familie und Verwandtschaft geworden war. Informationen waren schwer zu beschaffen. Das Lagerleben war nicht einfach, Krankheiten grassierten, Nahrungsmittel waren knapp. An Luxus war schon gar nicht zu denken. Toiletten mit Wasserspülung? Luxus! Toilettenpapier? Luxus! Stattdessen gab es Plumpsklos, auch Donnerbalken genannt, und Zeitungsfetzen, um sich den Hintern zu säubern. Da es auch kein Radio oder Lesestoff gab, gewöhnte man sich an, auf der Toilette Zeitung zu lesen, bevor man sie als Klopapierersatz benutzte. Eines Tages passierte etwas Unglaubliches, extrem Unwahrscheinliches. Er „musste“ mal wieder, hatte ein Bedürfnis. Er ging aufs Klo – zum richtigen Zeitpunkt! Nicht zu früh und nicht zu spät. Er sitzt auf dem Donnerbalken und nimmt sich das oberste Zeitungsblatt. Wie gewohnt liest er es – es war so ziemlich der einzige Lesestoff, den man kriegen konnte. Seine Augen bleiben auf einer Suchanzeige hängen: „Raphael Dauenhauer z. Z. in Südfrankreich sucht seinen Bruder Nikolaus. Meldung bitte an …“. Er traute seinen Augen nicht. Sein jüngerer Bruder hatte sich nach Frankreich durchgeschlagen und in einer Zeitung nach ihm inseriert. Wie diese Zeitung nach Polen kam? Niemand weiß es! Was gewesen wäre, wenn mein Großvater Verstopfung gehabt hätte? Oder er ein anderes Plumpsklo benutzt hätte? Oder ein anderer vor ihm aufs Klo gemusst hätte? Das weiß jeder: Sie hätten sich wohl nicht gefunden, jedenfalls nicht so bald. Aber Großvater musste aufs Klo – zum genau richtigen Zeitpunkt!

Es gibt in vielen Bereichen den „richtigen“ Zeitpunkt. Aus der Entwicklungspsychologie weiß man, dass es Zeitfenster gibt, in denen Kinder optimal eine Fremdsprache oder ein Musikinstrument lernen können. Im zwischenmenschlichen Bereich hat jeder schon erlebt, dass sein Gegenüber in manchen Momenten oder Lebensphasen nicht ansprechbar ist, weil er mit einer anderen Sache innerlich beschäftigt ist. „Belegt“, könnte man sagen! Wenn man den richtigen Zeitpunkt erwischt, ist vieles möglich. Kaum jemand wird zu seinem Chef gehen, und um eine Gehaltserhöhung bitten, nur weil einem selbst gerade danach ist. Man wird sich überlegen, wann es geschickt ist, den Chef zu fragen und falls er an diesem Tag in schlechter Stimmung ist, wird man sein Vorhaben verschieben. Es gibt für viele Dinge den rechten Zeitpunkt.

Allerdings gibt es auch Dinge, für die es scheinbar nie d e n richtigen Zeitpunkt gibt. Es ist scheinbar immer ungünstig, es jetzt zu tun. Wenn dem so ist, dann könnte man aber auch sagen: es ist egal, wann ich es tue, es ist immer zugleich der richtige Zeitpunkt. Dann heißt es: Mach ´s gleich!
Schon in der Bibel ist das Phänomen des richtigen Zeitpunktes beschrieben: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen …“ (Markus 1:15). Hier steht in der griech. Sprache „Καιρός“ (kairos), was nicht einfach einen zeitlichen Termin oder ein Datum meint, sondern den günstigen Moment, den es beim Schopfe zu packen gilt. Im Gegensatz dazu wird der Begriff Chronos (χρόνος) gebraucht, der einen – oft auch längeren – Zeitabschnitt meint. Die Menschwerdung Gottes geschah nicht einfach irgendwann, sondern prophetisch vorhergesagt zum optimalen Zeitpunkt.

Auch in unserer psychotherapeutischen Arbeit erleben wir immer wieder, dass es im gesamten Verlauf (Chronos) gilt, den richtigen Moment (Kairos) für Veränderungen und Weichenstellungen zu finden. Der gleiche Rat, dieselbe Intervention, eine identische Hilfestellung: zum falschen Zeitpunkt bleibt sie ohne Wirkung. Aber im richtigen Moment eingesetzt, bringt sie viel in Bewegung.

An dieser Stelle ist der richtige Zeitpunkt, den Artikel zu beenden. Sonst würde er zu lang. Also denn: ich wünsche uns allen das gute Gespür für den richtigen Zeitpunkt, um unser tägliches Leben zu meistern.

© Matthias Dauenhauer

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