Zeit haben

Keine Zeit ist keine Tatsache, es ist DEINE Entscheidung. - www.doppelpunkt-praxis.de

Da lese ich diesen Satz, dass es also MEINE Entscheidung ist, ob ich Zeit habe. Das finde ich im ersten Moment ziemlich ärgerlich. Es macht mich wütend. Mein Tag ist voll. Ein Termin folgt auf den nächsten. Viele Verpflichtungen fordern mich. Ich sehe zu, dass ich das alles irgendwie hinbekomme. Und dann sagt da jemand, es sei meine Entscheidung, ob ich Zeit habe. Das ist doch eine Frechheit. Ich bin so oft fremdbestimmt in meiner Zeit. Wie gern hätte ich Zeit für Dinge, die mir Freude machen, für Menschen, die mir wichtig sind. Aber ich habe diese Zeit eben nicht. So erleben das vermutlich viele Menschen. Aber ist es wirklich so?

Ich habe mich mal entschieden, den Beruf zu ergreifen, den ich aktuell ausübe. Da war mir klar, dass der viel Zeit von mir fordern wird. Und ich habe mich dafür entschieden. Es folgte die Selbständigkeit, die natürlich einen hohen zeitlichen Einsatz fordert. Auch dafür habe ich mich entschieden. In meiner Lebensplanung kamen Kinder vor. Sie wurden auch Realität, sind die größten Geschenke in meinem Leben. Zwar war meine Vorstellung davon, wieviel Zeit Kinder brauchen etwas anders als die beiden es mir dann zeigten, aber grundsätzlich war klar, dass Kinder viel Zeit brauchen würden. Und ich habe mich dafür entschieden. Ich habe eine alte Mutter. Diese Beziehung pflege ich so, wie es für mich richtig ist, was Zeit braucht. Und auch hier habe ich mich dafür entschieden, es so zu tun und daher diese Zeit zu haben. Und so könnte ich noch eine ganze Weile weiter machen. Wo ist also die Zeit, über die ich nicht selbst entscheide? Es gibt Krankheitszeiten, da läuft das anders mit der Zeit. Seltsamerweise haben wir da plötzlich Zeit für Dinge, für die wir vorher immer meinten, keine Zeit zu haben.

Ich gebe zu, dass ich es bisweilen schwierig finde, die Zeit da zu haben, wo ich es für eine bestimmte Sache ideal fände. Weiter gebe ich zu, dass es manchmal bequem ist zu sagen „ich habe keine Zeit, ich muss arbeiten (oder was auch immer an dieser Stelle kommen kann)“. Das ist für mich, als könnte ich für einen Moment ein wenig Verantwortung abgeben. Die Formulierung legt ja nahe, dass ich schon wollte, aber leider eben nicht kann, weil andere Dinge wichtiger sind. Das entlastet mich. Wenn ich aber ehrlich mit mir bin, muss ich mir eingestehen, dass es mehr Mühe kostet, dann zu schauen, wo und durch welche organisatorischen Maßnahmen ich die Zeit finde, ich für etwas haben möchte. Und wenn mir etwas oder jemand wichtig ist, lässt es sich nahezu immer realisieren, dass da die Zeit ist.

Wenn also jemand mich fragt, ob ich für ihn Zeit habe, kann die Antwort nicht sein, dass ich sie nicht habe, sondern …

Autor: Ulrike Dauenhauer

Eine Frage des Tempos?

Es ist nicht von Bedeutung, wie langsam du gehst, solange du nicht stehen bleibst. (Konfuzius) - www.doppelpunkt-praxis.de

Mit zunehmendem Alter wird mir immer klarer, dass Tempo eine wichtige Rolle spielt. Früher konnte mir vieles nicht schnell genug gehen. Manche Menschen habe ich mit meinem Tempo sicherlich mächtig unter Stress gesetzt. Vor allem hat wahrscheinlich meine Familie darunter gelitten. Ich hatte Ziele, und die wollte ich immer SCHNELL erreichen. Damit habe ich mir das Leben oft schwer gemacht.

Es gibt zwei Möglichkeiten, es sich an dieser Stelle schwer zu machen: Die Ziele werden zu hoch angesetzt oder die Zeit für deren Erreichung wird zu knapp bemessen. Beides verursacht Stress, der nur bei wenigen Menschen wirklich hilfreich ist, um das Ziel zu erreichen.
Für viele entsteht hier Frustration, die sich in sehr unterschiedlicher Form äußern kann. Darunter leidet letztlich der Mensch, der sich ein Ziel gesetzt hat. Möglicherweise wird er so frustriert, dass er das Ziel ganz aufgibt oder mehr und mehr in Selbstzweifel fällt, ob er überhaupt in der Lage ist, ein Ziel zu erreichen, etwas in seinem Leben zu verändern.

Insofern stimme ich Konfuzius daher zu, dass es nicht so sehr auf das Tempo ankommt. Es mag spezielle Situationen geben, wo das anders ist. Aber in den meisten Fällen halte ich es für sinnvoller, ein Tempo zu wählen, dass mir gut tut, wo ich mich mit Erfolgen (kleine Erfolge, Teilerfolge) meinem Ziel nähere und dabei an Motivation gewinne. Dies führt letztlich zu einer Stärkung meiner Willenskraft, meiner Motivation und Selbstüberzeugung. Das ist eine gute Grundlage für weitere zieldienliche Entwicklungen.

Autor: Ulrike Dauenhauer – Praxis Doppelpunkt

Zu viel oder zu wenig?

Wenn man zuviel nachdenkt, erschafft man Probleme, die es eigentlich nicht gibt. (www.doppelpunkt-praxis.de)

Gestern waren wir in Heidelberg auf einem Workshop mit Philip Zimbardo (http://www.zimbardo.com/) , der durch seine psychologischen Forschungen sehr berühmt geworden ist. Inzwischen ist er 82 Jahre alt, wirkt aber keineswegs so. Er berichtete über seine Forschungen zum Zeitparadox. Er machte anhand seiner weltweiten Forschungen deutlich, dass die persönliche Wahrnehmung der Zeit – also ob ich meine Vergangenheit positiv oder negativ in Erinnerung habe, ob ich die Gegenwart eher lustvoll oder fatalistisch wahrnehme und wie ich in die Zukunft schaue – wesentliche Auswirkungen auf sehr viele Bereiche unseres Lebens hat. Dazu werde ich nochmal gesondert schreiben.

Bestätigen kann ich aus vielen Gesprächen, dass es Menschen gibt, die sich viele Gedanken über allerlei Dinge machen, so viele Gedanken, dass sie am Ende noch mehr Probleme haben, darüber sehr unglücklich oder gar verzweifelt sind und sich kaum oder nicht mehr in der Lage fühlen, etwas zu entscheiden und dann auch zu tun. Das Nachdenken kann also tatsächlich dazu führen, dass Probleme erst entstehen.

In jungen Jahren sind wir alle sehr gegenwartsorientiert. Wir tun, wozu wir gerade Lust haben. Die meisten von uns sind dann so erzogen worden, dass es wichtig ist, in die Zukunft zu schauen und die Konsequenzen unseres Handelns gedanklich vorweg zu nehmen. Das ist ja auch nicht völlig falsch. Es bewährt sich nicht, vollkommen in dieser Gegenwartsorientierung zu bleiben und gar nicht darüber nachzudenken, das folgt. Aber über alles und jeden ständig nachzudenken, stellt das andere Extrem eines Kontinuums dar und ist ebenso wenig hilfreich.

Es geht um das gute Maß an Spontaneität und Planung, um glücklich und erfolgreich zu sein.
Gelegentlich also mal weniger nachdenken bzw. das Nachdenken über etwas begrenzen, kann sehr hilfreich sein.

Autor: Ulrike Dauenhauer – Praxis Doppelpunkt

Was ist genug?

Eines der größten Probleme ist, dass man immer meint, man hätte noch genug Zeit. - www.doppelpunkt-praxis.de

Was ist eigentlich genug?
Manchmal ist uns das klar, wann es genug ist. Dann hören wir auf zu essen oder gehen ins Bett. Es gibt aber auch diese Momente und Themen, wo das nicht so klar ist – und selbst beim Essen und Schlafen ist es ja nicht wirklich eindeutig.

Was genug ist, kann ich ja meistens erst kurz vor Schluss oder direkt am Ende feststellen. So gesehen kann ich „genug“ nicht im Voraus bestimmen. Beim Essen habe ich vielleicht eine Ahnung, wieviel ich brauche, bis ich satt bin. Bei der Zeit ist das deutlich schwieriger. Manche Menschen habe große Mühe, abzuschätzen, wie lange sie für etwas brauchen. In dieser Gruppe gibt es zwei Untergruppen. Die einen planen entsprechend großzügig, um nur ja mit der Zeit hinzukommen und sind meistens früher fertig, als es verlangt oder gewünscht wäre. Die andere Untergruppe neigt dazu, sich hier wiederholt zu verschätzen und wird dann jeweils nicht rechtzeitig fertig.

Zeit wirkt in unserem Leben ja sehr unterschiedlich. Je jünger wir sind, desto mehr Zeit meinen wir zu haben – und statistisch gesehen ist das für die Lebenszeit ja auch richtig. Aber eben nur statistisch gesehen. Vor einigen Jahren musste ich durch eine Erkrankung die Erfahrung machen, dass es ganz plötzlich hätte vorbei sein können. War es nicht, darüber bin ich sehr froh und dankbar. Aber es wurde mir deutlich, wie schnell es eben sein kann, dass die Zeit, die mir zur Verfügung steht, vorbei ist.

Wie möchte ich am Ende meines Lebens auf die Zeit, die ich hatte, zurück schauen?

Ich finde, dass es sich lohnt, diese Frage für sich zu beantworten. Das macht es einfacher, jetzt zu leben, denn das gibt mir eine Richtung vor, wie ich im Leben unterwegs sein möchte. Ich möchte die mir geschenkte Lebenszeit nutzen. Je älter ich werde, desto deutlicher wird mir, dass mir die Zeit hier geschenkt ist. Drum will ich sie nutzen, sinnvoll füllen, wertvoll machen durch meine Gestaltung. Mit anderen Worten, ich will meine Lebenszeit bewusst nutzen, will achtsam umgehen mit diesem Gut, das mir anvertraut wurde. Ich weiß ja nicht, wie viel ich noch habe.

Autor: Ulrike Dauenhauer – Praxis Doppelpunkt

Eine kleine Klogeschichte oder: Vom richtigen Zeitpunkt

Der richtige Zeitpunkt entscheidet nicht selten über Gelingen oder Misslingen eines Vorhabens. Für Saat und Ernte gibt es wenige „richtige“ Zeitpunkte, aber viele falsche. Das Zeitfenster für den Erfolg ist manchmal recht klein.

Aus dem Alltag kennen wir zahlreiche Situationen, in denen ein Ereignis genau zum „falschen“ Zeitpunkt eintritt, dann nämlich, wenn wir es am wenigsten brauchen können: Irgendwann braucht unsere Kaffeemaschine frische Bohnen, aber warum gerade dann, wenn ich es besonders eilig habe!? Und nachdem ich die Bohnen nachgefüllt habe, blinkt die Meldung: „Wassertank leer“. Zu allem Überfluss soll anschließend auch noch der Trester geleert werden, bevor man sich den Espresso herauslassen kann. Irgendwie kommt dann alles zusammen – zum falschen Zeitpunkt. Dann, wenn man keine Muße und keine Zeit hat.

Tante Frieda spreche ich eigentlich gerne, aber warum ruft sie genau dann an, wenn ich gerade auf dem Klo sitze und Sudoku spiele! Apropos Klo. Auch hier hat wahrscheinlich jeder schon mal erlebt, wie es sich anfühlt, wenn man sich zu spät auf den Weg gemacht hat … dann hat man auf den Weg oder zumindest in die Hose gemacht. Eine Klogeschichte der besonderen Art hat sich in meiner Familie ca. 1919 zugetragen:

Mein Großvater Nikolaus lebte in einem deutschen Dorf in der Nähe von Odessa und bewirtschafte ein größeres Gut. Er war verheiratet und hatte zwei Söhne, als die Oktoberrevolution ausbrach. Seine deutsche Herkunft und sein Vermögen machten ihn zur Zielscheibe der Kommunisten. Zudem war er Offizier in der zaristischen Armee. Die ganze Großfamilie – er hatte 11 Geschwister – wurde in alle Winde zerstreut, kam nach Sibirien oder wurde erschossen. Er selbst floh westwärts nach Polen und kam dort in ein Lager. Deutschland nahm damals keine volksdeutschen aus Russland auf. Er hatte keine Ahnung, was aus seiner Familie und Verwandtschaft geworden war. Informationen waren schwer zu beschaffen. Das Lagerleben war nicht einfach, Krankheiten grassierten, Nahrungsmittel waren knapp. An Luxus war schon gar nicht zu denken. Toiletten mit Wasserspülung? Luxus! Toilettenpapier? Luxus! Stattdessen gab es Plumpsklos, auch Donnerbalken genannt, und Zeitungsfetzen, um sich den Hintern zu säubern. Da es auch kein Radio oder Lesestoff gab, gewöhnte man sich an, auf der Toilette Zeitung zu lesen, bevor man sie als Klopapierersatz benutzte. Eines Tages passierte etwas Unglaubliches, extrem Unwahrscheinliches. Er „musste“ mal wieder, hatte ein Bedürfnis. Er ging aufs Klo – zum richtigen Zeitpunkt! Nicht zu früh und nicht zu spät. Er sitzt auf dem Donnerbalken und nimmt sich das oberste Zeitungsblatt. Wie gewohnt liest er es – es war so ziemlich der einzige Lesestoff, den man kriegen konnte. Seine Augen bleiben auf einer Suchanzeige hängen: „Raphael Dauenhauer z. Z. in Südfrankreich sucht seinen Bruder Nikolaus. Meldung bitte an …“. Er traute seinen Augen nicht. Sein jüngerer Bruder hatte sich nach Frankreich durchgeschlagen und in einer Zeitung nach ihm inseriert. Wie diese Zeitung nach Polen kam? Niemand weiß es! Was gewesen wäre, wenn mein Großvater Verstopfung gehabt hätte? Oder er ein anderes Plumpsklo benutzt hätte? Oder ein anderer vor ihm aufs Klo gemusst hätte? Das weiß jeder: Sie hätten sich wohl nicht gefunden, jedenfalls nicht so bald. Aber Großvater musste aufs Klo – zum genau richtigen Zeitpunkt!

Es gibt in vielen Bereichen den „richtigen“ Zeitpunkt. Aus der Entwicklungspsychologie weiß man, dass es Zeitfenster gibt, in denen Kinder optimal eine Fremdsprache oder ein Musikinstrument lernen können. Im zwischenmenschlichen Bereich hat jeder schon erlebt, dass sein Gegenüber in manchen Momenten oder Lebensphasen nicht ansprechbar ist, weil er mit einer anderen Sache innerlich beschäftigt ist. „Belegt“, könnte man sagen! Wenn man den richtigen Zeitpunkt erwischt, ist vieles möglich. Kaum jemand wird zu seinem Chef gehen, und um eine Gehaltserhöhung bitten, nur weil einem selbst gerade danach ist. Man wird sich überlegen, wann es geschickt ist, den Chef zu fragen und falls er an diesem Tag in schlechter Stimmung ist, wird man sein Vorhaben verschieben. Es gibt für viele Dinge den rechten Zeitpunkt.

Allerdings gibt es auch Dinge, für die es scheinbar nie d e n richtigen Zeitpunkt gibt. Es ist scheinbar immer ungünstig, es jetzt zu tun. Wenn dem so ist, dann könnte man aber auch sagen: es ist egal, wann ich es tue, es ist immer zugleich der richtige Zeitpunkt. Dann heißt es: Mach ´s gleich!
Schon in der Bibel ist das Phänomen des richtigen Zeitpunktes beschrieben: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen …“ (Markus 1:15). Hier steht in der griech. Sprache „Καιρός“ (kairos), was nicht einfach einen zeitlichen Termin oder ein Datum meint, sondern den günstigen Moment, den es beim Schopfe zu packen gilt. Im Gegensatz dazu wird der Begriff Chronos (χρόνος) gebraucht, der einen – oft auch längeren – Zeitabschnitt meint. Die Menschwerdung Gottes geschah nicht einfach irgendwann, sondern prophetisch vorhergesagt zum optimalen Zeitpunkt.

Auch in unserer psychotherapeutischen Arbeit erleben wir immer wieder, dass es im gesamten Verlauf (Chronos) gilt, den richtigen Moment (Kairos) für Veränderungen und Weichenstellungen zu finden. Der gleiche Rat, dieselbe Intervention, eine identische Hilfestellung: zum falschen Zeitpunkt bleibt sie ohne Wirkung. Aber im richtigen Moment eingesetzt, bringt sie viel in Bewegung.

An dieser Stelle ist der richtige Zeitpunkt, den Artikel zu beenden. Sonst würde er zu lang. Also denn: ich wünsche uns allen das gute Gespür für den richtigen Zeitpunkt, um unser tägliches Leben zu meistern.

© Matthias Dauenhauer